Der Geheimtipp

Vor einiger Zeit habe ich im Internet ein altes Nikon-Zoom 3.3-5.6/28-80 mm ersteigert. Es diente ab 2001 den einfachen Spiegelreflexen der Film-Ära für ein paar Jahre als Kitobjektiv. Ich weiß nicht mehr, warum ich es kaufte. Ich war wohl neugierig, und es war billig zu haben.

Dieses Objektiv ist auch an der See scharf!

Dieses Objektiv ist auch an der See scharf!

Das ist nichts, was man zum Angeben an die Kamera setzt. Klein, keine 200 g leicht und, wie gesagt, rundum Plastik. Die Bilder schienen nicht übel, aber so richtig konnte ich es eigentlich nicht gebrauchen, sodass es für längere Zeit in eine Schublade wanderte.

Nach einiger Zeit kaufte ich eine Kamera mit großem Sensor. Mein altes Telezoom ließ sich weiter verwenden, doch mit dem Erwerb eines Weitwinkelzooms war das Finanzloch groß genug, trotz Verkaufs alter Gerätschaften. Zwischen Weitwinkel und Tele klaffte damit auch ein Loch. Das war die Stunde des 28-80ers.

Mit einem alten Objektiv kann man nicht nur alte Sachen fotografieren.

Mit einem alten Objektiv kann man nicht nur alte Sachen fotografieren.

Wenn dieses kleine Plastikspielzeug an der großen, schweren Kamera einrastet, hält man das zunächst für eine Verirrung. Man will ihm nicht glauben, dass es einen großen Sensor ausleuchten kann. Aber es kann. Und es macht seine Sache gar nicht schlecht. Sogar ziemlich gut. Verblüffend gut.

Der US-amerikanische Fotograf und Fotoblogger Ken Rockwell sagt über dieses Objektiv:

„Das 28-80 mm G ist ein schäbiges Plastikzoom mit unglaublich guter Leistung. Es funktioniert lächerlich gut, besonders an meiner Nikon D3. Unglaublich heißt unfassbar. Die Leistung ist so gut, dass niemand glauben wird, dass sie von einem derart billigen Objektiv stammt. Die Leistung ist einfach verblüffend.

Dieses Objektiv bringt Schwung in Ihre Bilder.

Dieses Objektiv bringt Schwung in Ihre Bilder.

Benutzen Sie es, und Sie verstehen, warum ich mich nicht mit anderen Objektivmarken abgebe. Wenn Sie ein billiges Glas wie dieses benutzen und sehen, wie gut es ist, zeigt mir das wirklich, dass Nikon seit 1937 viele Geheimnisse des Objektivbaus kennengelernt hat, die es mit niemandem teilt. Hier ist das Geheimnis ein zusammengesetztes asphärisches Element, ein Herstellungstrick, mit dem Nikon die Leistung älterer und teurerer Objektive praktisch ohne Mehrkosten übertraf.

Es ist scharf! An meiner D200 DX-Kamera ist es sehr scharf bei allen Blenden, sogar ganz in den Ecken. Es ist peinlich viel schärfer als viele meiner deutlich teureren und exotischen Ultraweitwinkel-Festbrennweiten an der D200. Bei Offenblende sinkt der Kontrast etwas in den Ecken, kehrt aber mit einer Stufe Abblendung zurück. Auch das ist außergewöhnlich. 

Sonne im Bild? Kein Problem.

Sonne im Bild? Kein Problem.

Ein Farbquerfehler [Farbsäume] ist an der D200 nicht zu sehen. Das ist hervorragend. Ich kann das 28-80 nicht zu Lichtreflexen überreden außer bei voller Mittagssonne im Bild bei 44 mm Brennweite.“

Zögerliche Abwägung ist Rockwells Sache nicht; er neigt ein wenig zu Übertreibungen. Doch dass dieses 28-80 mm heute ein echtes Schnäppchen ist, steht außer Frage. Und es kann noch mehr! Rockwell:

„Das Nikon 28-80 mm stellt schnell und supernah scharf; damit steht es einem wunderbaren Foto nie im Wege. Ich wollte, alle meine Objektive wären so gut.“

 

So nah ran können auch andere. Das 28-80 kann noch näher.

So nah ran können auch andere. Das 28-80 kann noch näher.

Supernah ist hier kaum übertrieben. Mit einem maximalen Abbildungsmaßstab von 1:3,4 ist es zwar noch kein Makroobjektiv, aber auch nicht arg weit weg davon. Und der Autofokus ist so schnell wie entscheidungsfreudig. Wegen seines lächerlichen Gewichts kriecht es bei senkrecht gehaltener Kamera auch nicht durch die Brennweiten (Zoomcreeping).

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Mit dem Objektiv an der Kamera möchte man sich verstecken. Mit den Bildern nicht. Dieses Bild lässt sich auch größer betrachten.

Hat dieses Objektiv denn keine Schwächen? Doch. Zunächst das erwähnte Plastik. Allzu häufig sollte man es nicht gegen einen Türrahmen donnern. Und natürlich hat es keinen Verwacklungsschutz. Ob das bei höchstens 80 mm wurscht oder ein echtes Manko ist, wird jeder anders beurteilen. Wer gern manuell scharfstellt, wird mit dem 28-80 auch nicht glücklich werden (die Frontlinse dreht sich beim Fokussieren; nicht aber beim Zoomen). Bei den Fähigkeiten in der Nahdistanz ist das ein Jammer. Weil der Fokusring ganz vorne sitzt, gilt das doppelt bei aufgesetzter Gegenlichtblende – und ein Fotograf mit Kinderstube hat die Gegenlichtblende eigentlich immer aufgesetzt.

Rockwell bescheinigt dem Objektiv zudem eine „Schiffsladung voll Verzeichnung“ bei 28 mm, die aber bei 50 mm verschwinde; bei 80 mm gebe es eine minimale kissenförmige Verzeichnung. Was die übrige reine Bildqualität angeht, kann man diesem Objektiv wenig am Zeug flicken – und angesichts des heutigen Preises gar nichts. Nachdem ich es nun besser kenne, fotografiere ich damit nicht mehr verlegen, sondern mit diebischer Freude.

Nicht sehr robust, aber ein kleines Sonnenscheinchen: das 28-80.

Nicht sehr robust, aber ein kleines Sonnenscheinchen: das 28-80.

Alle Bilder dieses Artikels wurden mit dem 28-80 gemacht – außer dem letzten. Nachdem ich gelesen hatte, dass das ähnlich alte 28-105 auch ähnlich gut sein soll, habe ich eins zu ersteigern versucht. Nur, bisher hätte ich dazu dreistellig zahlen müssen.

Das ist es

Das ist es

Bei aller Wertschätzung werde ich irgendwann wohl doch ein modernes Objektiv mit Verwacklungsschutz anschaffen (der ist einfach sehr nützlich). Aber ich habe es mit dem 28-80 in der Tasche nicht allzu eilig damit.

Aktualisierung: Inzwischen habe ich auch das 28-105 erworben und darüber geschrieben.

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2 Antworten zu Der Geheimtipp

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