Noch ein (Geheim?)Tipp

Das ältere Nikon-Zoom 3.5-4.5/ 28-105 hat einen ähnlich guten Ruf wie der Geheimtipp, das Plastikzoom 3.3-5.6/28-80. Eine ganze Reihe von Onlineauktionen hatte ich mit dem Ehrgeiz verfolgt, das Objektiv für einen zweistelligen Betrag zu ersteigern. Damit bin ich gescheitert, aber zum Glück nur knapp.

Der höhere Preis ist schon beim ersten Augenschein gerechtfertigt (und noch immer ein Schnäppchen). Das 28-105 ist eine Liga solider und hat ein Metallbajonett. Anders als das kleinere Zoom wirkt es an einer großen Spiegelreflex nicht wie ein Spielzeug. Größe und Gewicht sind die Kehrseite dieser Medaille. Es ist im Format dem aktuellen 3.5-4.5/24-85 VR-Objektiv sehr ähnlich, hat allerdings einen kleineren Filterdurchmesser: 62 im Vergleich zu 72 mm. Gemessen an Nikons professionelleren Linsen ist man also noch sehr dezent unterwegs.

Das 3.5-4.5/28-105

Das 3.5-4.5/28-105

Lassen wir zunächst auch hier wieder den US-amerikanischen Fotoblogger Ken Rockwell zu Wort kommen:

„Die Verzeichnung ist viel besser als bei den meisten Zooms. Sie ist überhaupt unsichtbar außer bei 28 mm auf unendlich. Dieses Objektiv hat mit die geringste Verzeichnung aller Zooms mittlerer Brennweite, die ich kenne.

Das 28-105 erreicht einen Abbildungsmaßstab von 1:2; denselben wie alle manuellen Nikon-55-mm-, 105-mm- und 200-mm-Makroobjektive. Das ist fantastisch!

Bei Einstellung auf 0,5 m gibt es eine deutliche tonnenförmige Verzeichnung bei 28 mm, keine bei 50 und 105 mm. Die Ecken sind weich bei 105 mm und 0,5 Meter Entfernung. Unterhalb eines halben Meters verschwindet die Verzeichnung, es bleibt aber weich in den Ecken, auch abgeblendet.“

Letzteres kann ich bestätigen. Im echten Makrobereich und bei 100-Prozent-Ansicht ist das Bild in den Ecken nicht nur weich, sondern unscharf. Der ausgedehnte Nahbereich ist also eine tolle Sache für unterwegs, aber auch dieses Zoom ist kein Ersatz für ein Makroobjektiv – schon wegen des umständlichen Schalters, der für den Wechsel zwischen Normal- und Makroentfernung bemüht werden muss und der bei kleinen Brennweiten und Entfernungen streikt. Allerdings lässt sich auch ohne ihn ein Abbildungsmaßstab von etwa 1:5 erreichen.

Der Schalter des Anstoßes

Der Schalter des Anstoßes

Ein Sprinter ist der Autofokus nicht; die Fokussierung geht schwergängig. Dass dies nicht nur bei meinem Exemplar der Fall ist, schließe ich aus Rockwells Anmerkung, es gebe „eine Menge Verlust im mechanischen Getriebe“. Deutliches Spiel und zu kurze Drehwege machen das Scharfstellen von Hand zu keinem Vergnügen. Deshalb kommt dieses Objektiv höchstens für extrem geduldige Besitzer einer Kamera ohne AF-Motor in Frage (Nikons 3000er- und 5000er-Serie).

Hat man das Objektiv aber einmal scharfgestellt, dann ist es auch scharf. Schärfer noch als das 28-80. Ich habe keine Testkarten im Nahbereich fotografiert, sondern Stadtszenen auf große Entfernung, dort aber alle Sorgfalt angewandt, die für einen Vergleich nötig sind, wie Stativ, Spiegelvorauslösung, Fokussierung mit LiveView und Lupe, verschiedene Blenden. In der Detailfreude scheint mir das 28-105 – sowohl bei 28 als auch bei 35 mm – dem Nikon 18-35 mm  ebenbürtig. (Nikon bezeichnet dieses Weitwinkelzoom als besonders geeignet für die hohe Auflösung seiner 800er-Kameras. Ich fotografiere noch mit 12 Megapixeln.)

Mit Stativ bleiben kaum Wünsche offen

Mit Stativ bleiben kaum Wünsche offen

Am langen Ende (bei 70 und rund 100 mm) scheint es mir auch dem Tamron 70-300 Di SP vollkommen gewachsen. Das räumt zwar bei 300 mm keine Urkunden ab, beeindruckt mich am kurzen Ende aber durchaus und lässt sich von der 90-mm-Makro-Festbrennweite aus dem eigenen Hause (auf große Entfernungen) nichts vormachen. Damit übertraf das 28-105er leicht, aber sichtbar das 28-80 in der Schärfe. Auch bei den mittleren Brennweiten war es hier zumindest gleichauf.

Die Sonnenblende ist heute nicht leicht zu kriegen. Sie ist trichterförmig und damit leider so offen, dass ihr Nutzen sich auf kaum mehr als den Stoßschutz beschränkt. Eine Tulpe wäre nützlicher, zumal das Glas nicht ganz so gegenlichtresistent zu sein scheint wie das des 28-80.

Fazit:

Für wenig mehr als 100 Euro (Stand Ende 2014) erwirbt man mit diesem Objektiv ein optisch exzellentes Instrument, besonders für Aufnahmen vom Stativ, wo fehlender Verwacklungsschutz* und langsamer AF keine Rolle spielen. Die Verzeichnung ist für ein solches Objektiv vorbildlich gering (zum Glück, denn wie für das 28-80 fand ich im Netz kein Profil für Raw-Konverter), und die Randabschattung soll es nach Ken Rockwell ebenso sein.

 

* Ich bin ein Anhänger der Unterscheidung zwischen Verwackeln (= das Motiv hat gewackelt) und Verreißen (= der Fotograf hat gewackelt), aber ich fürchte, einen „Verreißungsschutz“ würde niemand verstehen.
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2 Antworten zu Noch ein (Geheim?)Tipp

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