Die Leica Monochrom – eine Kamera für Schwarzweißfotografen?

Das Leica-Modell 246 macht nur farblose Bilder und scheint damit besonders für Schwarzweißfotografen interessant zu sein, zumindest für betuchte. Bei Licht betrachtet ist sie das genaue Gegenteil.

Die Leica Monochrom wird in ihrer aktuellen 24-MP-Ausführung Modell 246 genannt. Wie ihre Vorgängerin besitzt sie kein Bayer-Filter. Das macht sie farbenblind, dafür in der Auflösung 36-MP-Kameras wie Nikons 800er-Serie vermutlich sogar überlegen. Bei der Recherche zu diesem Artikel konnte ich lediglich einen fundiert scheinenden Vergleich zwischen der Nikon D800 und dem 18-MP-Vorgängermodell (240) finden. Dort fanden sich keine substanziellen Unterschiede: minimalen Auflösungsvorteilen der Leica standen ebenso minimale Rauschnachteile gegenüber. (Da das neue Modell keinen CCD-, sondern einen CMOS-Sensor hat, dürfte das Rauschen jetzt kein Thema mehr sein.)

Leica Monochrom

Das wahre SW-Werkzeug?

Die neue Leica Monochrom ist also ein Auflösungsmonster. Ist es das, was ambitionierte Schwarzweißfotografen suchen? Wer aktuelle Kameratests verfolgt, hört das stete Klagelied der Tester: Es sei anstrengend und kostspielig, diese hochauflösenden Sensoren zufriedenzustellen. An schweren Stativen und teuren Optiken führt kaum ein Weg vorbei. Noch fragwürdiger wird der Sinn solcher Sensoren angesichts der Testbilder, die einen augenfälligen Unterschied zu älteren Sensoren selbst dann kaum aufzeigen können, wenn man sich mit 100-Prozent-Eckenausschnitten denkbar weit von jeder praxisgerechten Bildbeurteilung entfernt. (Das Problem der Fertigungstoleranzen, das in diesen Pixelregionen entlarvend bedeutsam wird, mal ganz außen vor gelassen.) Kurz gefragt: Ruft jemand heute nach noch mehr Auflösung? Ist sie besonders in der SW-Fotografie das vordringliche Problem?

Nein. Die SW-Fotografie steht vor einem ganz anderen Problem: Es gibt keine Farben. Hört sich komisch an, trifft es aber. Farben werden als dunkles oder helles Grau wiedergegeben. Allerdings empfinden wir Farben, die einem Belichtungsmesser einerlei sind, keineswegs immer als gleich hell. Ehrgeizige SW-Fotografen wollten daher schon sehr früh die Übersetzung von Farben in Helligkeit möglichst fein steuern – und nicht nur im Interesse naturgetreuer Wiedergabe. Das gelang ihnen mit Farbfiltern. Ein Orange- oder gar Rotfilter sperrte blaues Licht weitgehend aus und dramatisierte blauen Himmel bis zu Schwarz. Ein Grünfilter tat dasselbe mit roten Rosen. (Ganz abgesehen davon, dass frühe SW-Filme für unterschiedliche Farben sehr unterschiedliche Empfindlichkeiten besaßen.)

Wie soll man den Blumenstrauß wiedergeben? Farbwiedergabe und Rot-, Grün- und Blauauszug (v. l.)

Wie soll man den Blumenstrauß wiedergeben?
Farbwiedergabe und Rot-, Grün- und Blauauszug (v. l.)

Allerdings musste der Fotograf sich vor jeder Aufnahme entscheiden: den Rotfilter für den Himmel oder den Grünfilter, um das Laub aufzuhellen? Oder oben Rot, unten Grün – machte das jemand? Wie einfach hat es da der Digitalfotograf. Die drei Farbauszüge seines Farbbildes, Kanäle genannt, eröffnen ihm noch viel feinere Abstufungen. Und sogar Kombinationen verschiedener teilmaskierter SW-Ausgaben – und zwar nachträglich, ganz ohne Filtergefummel bei der Aufnahme.

Die Wiedergabe dieser abendlichen Szene im Blaukanal (oben) und im Rotkanal (unten) könnte unterschiedlicher kaum sein.

Die Wiedergabe dieser abendlichen Szene im Blaukanal (oben) und im Rotkanal (unten) könnte unterschiedlicher kaum sein.

Das geht natürlich nur, wenn man Farbkanäle hat; sprich: ein Farbbild. Was ein anspruchsvoller SW-Fotograf demnach zuletzt braucht, ist eine Kamera, die ihm diese Farbinformation verweigert. Genau das aber tut die Leica Monochrom. Einfluss auf die Grauwiedergabe von Farbe lässt sich bei ihr nur über Filter während der Aufnahme nehmen. Und nicht mehr verändern (jedenfalls nicht so unvergleichlich genau und bequem wie mit Farbkanälen).

Nun wird die Leica selbst von wohlwollenden Testern nicht als „vernünftige“ Kamera bezeichnet. Sie beraubt den Fotografen eines bedeutenden Gestaltungsmittels (auch und gerade in der SW-Fotografie), ohne ihm in technischer Hinsicht auch nur ein wenig Trost zu bieten. Das Unvernünftige ist jedoch offenbar ihr großes Plus, was bekanntlich schon beim Preis anfängt. Nichts gegen Mut zur Unvernunft, wenn man damit bei seinem Hobby Spaß haben kann. Diesen Spaß scheint dem Leicafotografen die Freude am exklusiven Besitz zu bereiten. Sie sei ihm gegönnt.

Nur: Erste Wahl für die anspruchsvolle SW-Fotografie kann man die Leica Monochrom schwerlich nennen.

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