Machen Sie sich ein Bild – aber nicht nur das eine

Mehrmals den Auslöser drücken – das hört sich wie ein banaler Ratschlag an. Doch dieser Ratschlag zielt nicht nur auf Actionfotografen. Auch wer Architektur, Landschaften oder Stillleben fotografiert, sollte ihn sich zu Herzen nehmen.

Es gibt immer weniger Fruchtbares zu lesen, wenn man die Grundlagen hinter sich gelassen und die ersten Fortschritte getan hat. Es kommt aber auch vor, dass man für Ratschläge noch nicht bereit ist. Das muss nichts mit fotografischen Voraussetzungen zu tun haben. Einer dieser Ratschläge, die ich früh hörte und spät befolgen lernte, war, von einem Motiv stets mehrere Fotos zu schießen.

Dass Presse-, Sport- und Modefotografen gut daran tun, ihre Kameras in Dauerfeuer zu betreiben, leuchtet schnell ein. Ihr Einfluss auf das Motivgeschehen ist gering. Sie wissen nicht, wann es wirklich losgeht, und häufig nicht einmal, was kommt. Beleuchtung und Hintergrund können Sie oft gar nicht beeinflussen. Für ähnliche Aufgaben müssen die Jäger die Schrotmunition erfunden haben. Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen, wusste schon Goethe, ohne Fotograf zu sein.

Nicht ganz so einleuchtend war mir der Ratschlag bei den behäbigeren Genres, der Landschafts-, Architektur- und Stilllebenfotografie oder der Produkt- und Makrofotografie unbelebter Dinge im Studio. Bewies sich die Könnerschaft hier nicht gerade darin, das Motiv durch Schweiß, Planung und Geduld selbst zu erschaffen? Von der Schärfentiefe bis zum Schattenwurf galt es nichts dem Zufall zu überlassen. Hier schien der Druck auf den Auslöser bloß das Signal zu sein, dass man jetzt gleich wieder alles einpacken könne.

Vielleicht klingt es in Ihren Ohren banal. Aber dass selbst erfahrene Fotografen auch ein sorgfältig gestaltetes Bild während der Aufnahme niemals abschließend beurteilen können (vermutlich nicht einmal beim komfortablen „tethered shooting“), das war für mich ein Aha-Erlebnis. All die Predigten von Imagination, von Schulung des Sehens, von Beherrschung der Ausleuchtung schienen auf die Befähigung hinauszulaufen, ein Bild im Kopf zu vollenden, bevor auch nur die Fototasche geschultert war. Die Einstellungen von Zeit und Blende und der Druck auf den Auslöser schienen dann bloß der Erledigt-Stempel auf dem Dokument des fotografischen Vorhabens.

Hilft nicht immer, aber immer öfter

Hilft nicht immer, aber immer öfter

Aber niemand hat diese Befähigung. Heute mache ich auch von meinen allerstatischsten Motiven unter kontrollierten Bedingungen immer mehrere, viele Aufnahmen, mal von hier, mal von dort, mit engem, mit weitem Ausschnitt, mit Licht von links, rechts, oben oder unten – oder alles zusammen. Ich habe jetzt kein schlechtes Gewissen mehr, mich statt auf vorauswissende Gestaltung zum guten Teil auf die Schrotflintentaktik zu verlassen. Denn ich weiß heute, dass berühmte Fotografen es genauso handhaben.

So banal ist es doch nicht. Bei Stativfotografie ist es ein bisschen, wie einer Beute nachzujagen, die man schon erlegt glaubte. Zu umständlichem Neuarrangement von Motiv, Hintergrund, Beleuchtung und Beschattung muss man sich überwinden. Ich spreche mir dann leise vor, dass nicht die teure Kamera das Foto macht, sondern die Bereitschaft zur Mühe. Tatsächlich wähle ich aus diesen Aufnahmesitzungen nicht selten ein Bild aus, das von meinen ursprünglichen Absichten nichts mehr in sich trägt. Von derlei berichten zuweilen selbst Berufsfotografen, die innerhalb enger Vorgaben ihres Auftraggebers arbeiten müssen.

Kommen Sie drauf zurück

Kommen Sie drauf zurück

Glücklicherweise kosten weggeworfene Digitalbilder kein Geld. Es sei denn, Sie sind Berufsfotograf und berechnen jede Fototätigkeit. Dann aber müssen Sie dem die entgangenen Einnahmen des verpassten „richtigen“ Bildes gegenüberstellen. Aber Berufsfotografen erzähle ich hier sowieso nichts Neues.

Ebenfalls glücklicherweise gibt es heute schöne Kamerafunktionen zur Unterstützung der Schrotflintentaktik – etwa die Belichtungsreihe. Ich las jüngst einen Artikel eines spezialisierten Pflanzenfotografen, der sich tatsächlich länglich über die beste Methode der Belichtungsmessung ausließ. Bei ruhigen Motiven wie Pflanzen (die auch im Wind insofern ruhig sind, als dass der Fotograf den Moment des Auslösens bestimmt) zerbreche ich mir den Kopf über alles mögliche, aber nicht über die Belichtungsmessung. Ich mache bei schwierigeren Lichtsituationen einen Probeschuss und fotografiere stets eine Belichtungsreihe von 2 bis 5 Aufnahmen. Denn die optimale Belichtung findet sich in Ruhe am PC-Bildschirm viel sicherer als auf dem Kameramonitor, auch mit Histogramm. Außerdem hält man sich so DRI und HDR offen.

Schlussendlich kommt man zu der Erkenntnis, dass die Idee zu einem Bild im Kopf reift, das Bild selbst jedoch am PC-Bildschirm. Und dort ist man froh, möglichst viel Material zu haben.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Essay abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s