Das Entbehrliche

Analoge und digitale Fotografie ähneln einander in Vielem. Das ist nicht verwunderlich, was den optischen Teil der Sache angeht, denn er ist nach wie vor ziemlich derselbe. Es gibt aber auch deutliche Unterschiede, die noch deutlicher werden, wenn man nicht bloß Emulsionen mit Sensoren vergleicht, sondern den kompletten Arbeitsablauf von der Aufnahme bis zum Verlassen der (digitalen) Dunkelkammer. Vieles, was zu analogen Zeiten gute Dienste leistet, tut das auch heute noch. Anderes ist fragwürdig, wenn nicht unsinnig geworden. Und manches war schon damals entbehrlich. Was manchen Ratgeber nicht hindert, es heute noch zu empfehlen.

Anders als die meisten Fotoartikel, die Ihnen ein bestimmtes Produkt schmackhaft machen wollen, sage ich Ihnen hier, was Sie getrost weglassen können.

Grau-Verlaufsfilter

Der Grau-Verlaufsfilter war früher ein wichtiges Instrument ehrgeiziger Landschaftsfotografen. Sie kamen nicht ohne ihn aus, besser gesagt: ohne sie, denn die Fotografen besaßen mehrere in verschiedenen Stärken zum Aufschrauben. Nur die dunklere Hälfte dieser Filter hatte eine Aufgabe, nämlich den Himmel soweit abzudunkeln, dass auch er sich mit der Belichtung für den unteren, meist deutlich dunkleren Teil des Bildes zufriedengab. Der Verlauf begann ungefähr in der Mitte des Filters, weshalb der Horizont stets in der Bildmitte zu liegen hatte. Bis der französische Fotograf Coquin auf den Gedanken von verschiebbaren Verlaufsfiltern kam. (Ich zweifle etwas, dass er wirklich der erste war. Jedenfalls kam niemand vor ihm auf den Gedanken, die Idee zu Geld zu machen.) Seine Firma namens Cokin bot Ende der 1970er Jahre ein System mit rechteckigen Filtern und einem Universalhalter an. Das machte auch für Objektive mit ungleichem Filterdurchmesser nur einen Filtersatz nötig.

Einschraubfilter

Einschraubfilter

Wem könnten Verlaufsfilter heute noch nützen? Mir fallen nur die Fotografen des JPG-Formats ein, die ihre Bilder ohne PC-Bearbeitung so verwenden wollen, wie sie aus der Kamera kommen. Ambitionierte Landschaftsfotografen gehören allerdings nicht zu dieser Spezies (erfolgreiche Fotos von Landschaften gehören sogar zu den am stärksten nachbearbeiteten), und die Arbeit mit Grauverlaufsfiltern verlangt einige Ambition. Wer die Zeit hat, vom Stativ zu fotografieren (empfiehlt sich in der Landschaftsfotografie grundsätzlich) und eine ganze Weile mit der Ausrichtung von Kamera und Filter zu verbringen (ganz besonders mit dem Cokin-System), der hat auch Zeit, eine Belichtungsserie zu schießen. Mit der lässt sich in der digitalen Nachbearbeitung durch HDR oder DRI weit mehr anfangen – schon allein, weil man nicht auf linealgerade Helligkeitsübergänge angewiesen ist, die eigentlich nur bei Meereshorizonten von Nutzen sind.

Cokinfiltersystem

Cokinfiltersystem

Und selbst die JPG-Fraktion findet in modernen Kameras HDR-Funktionen, die das mühselige Filtern mit Verläufen gänzlich unattraktiv macht. Meine Empfehlung: Sparen Sie sich den Grauverlaufsfilter.

Virtueller Horizont

Ich fotografiere gern Architektur und weiß eine peinlich genaue Kameraausrichtung zu schätzen. Den virtuellen Horizont habe ich noch nie benutzt. Erstens ist er ungenauer als die Ausrichtung nach Gitterlinien, die sich meist im Sucher einblenden lassen. Zweitens ist in vielen Fällen nicht die waagerechte Ausrichtung der Kamera gefragt, sondern die parallele Ausrichtung zu Gebäudekanten – und das kann durchaus zweierlei sein. Drittens lässt sich das Kippen der Kamera um die Tiefenachse (und nur dieses betrifft den virtuellen Horizont) von allen Fehleinstellungen in der Nachbearbeitung am leichtesten korrigieren.

Gerade genug? Virtueller Horizont auf dem Kameramonitor

Gerade genug? Virtueller Horizont auf dem Kameramonitor

Nach meiner Erfahrung lassen sich starke Weitwinkel bei Formaten bis zum Kleinbild per Sucher selbst mit einem millimetergenauen Getriebeneiger nicht perfekt ausrichten; vermutlich sind die Toleranzen zwischen Sucherbild und Sensorlage dafür zu groß. (Die Ausrichtung per Live-View habe ich noch nicht erschöpfend getestet. Sie ist durch den ständigen Wechsel von Bildpositionen mit der Sucherlupe vermutlich ermüdend. Die Nikon D810 mit ihrem Split-Modus des Live-View könnte hier Erhellendes leisten).
Eine willkommenere Justierhilfe wäre eine fürs Neigen oder Schwenken (Drehungen um die Quer- oder die Hochachse), denn diese Fehler verlangen bei der späteren Korrektur heiklere Eingriffe in die Bildgeometrie. Leider nützt der virtuelle Horizont hier gar nichts. Dabei sollte zumindest eine Neigekorrektur technisch machbar sein.

Blendenautomatik

Haben Sie die schon mal benutzt – egal ob mit Film oder digital? In Büchern wird sie immer zur Fixierung der Verschlusszeit und daher für Sportfotografie empfohlen. Ich habe noch von keinem Sportfotografen gehört, der sie einsetzt. Für diese Fotografen sind kurze Verschlusszeiten sehr wichtig, doch nicht mal sie überlassen ihrer Kamera die Wahl der Blende.

Selten gesehen: auf Blendenautomatik eingestellte Kamera

Selten gesehen: auf Blendenautomatik eingestellte Kamera

Die Blende und damit die Schärfentiefe ist von entscheidender Bedeutung für die meisten Fotosparten – und gerade auch für Sportfotografen. Viele achten etwa auf einen unscharfen Hintergrund, damit nichts vom Hauptgeschehen ablenkt. Sollte dieses aber gerade in einer hellen Spielfeldpartie ablaufen (und Sportfotografen kämpfen oft mit unterschiedlich beleuchteten Regionen), wird der kundige Fotograf keinesfalls dulden, dass die Kamera die Blende schließt in blindem Gehorsam gegenüber der vorgewählten 1/1000 Sekunde. Es wäre ihm nämlich viel lieber, wenn sie stattdessen bis zur 1/8000 Sekunde hochginge. Stellt er dagegen im Interesse der größtmöglichen Blende von vornherein die 1/8000 Sekunde ein, riskiert er bei den düsteren Bereichen des Stadions ein unwillkommenes – und unnötiges – Ansteigen der ISO-Zahlen.

Es gibt wohl einige wissenschaftlich orientierte Situationen, bei denen die strikte Einhaltung einer bestimmten Verschlusszeit wichtig ist. Aber selbst hier kommt man vermutlich mit manueller Einstellung von Zeit und Blende, kombiniert mit ISO-Automatik, eher zum Ziel.

Eine geringere Rolle spielt, dass der Blendenautomatik – ohne ISO-Automatik – meist nur 7 bis 8 ganze Stufen zur Verfügung stehen, während die Zeitautomatik allein zwischen 1/8000 und 1/1 Sekunde 14 Stufen kennt. Diese 7 bis 8 Blendenstufen dürften allerdings für Freihandfotografie ausreichen. (Immerhin besaß der erste Mehrfachautomat überhaupt, die Minolta XD-7, schon Ende der 70er Jahre eine clevere Blendenautomatik. Sobald diese an ihre Grenzen kam, wurde sie zur Zeitautomatik.)

Handbelichtungsmesser

Damit kam ich mir zu Filmzeiten sehr professionell vor. Ich besaß ein teures Ding, das auch Blitze messen konnte, und das war damals noch nicht so selbstverständlich wie heute. Dieses Gerät hatte seine Berechtigung, denn es gab keine sofortige Bildkontrolle, und jede Aufnahme kostete Geld. Man war also gut beraten, sich über die Lichtverhältnisse vorher Klarheit zu verschaffen. Man lernte den Unterschied zwischen Objekt- und Lichtmessung. An letzterer war der Fotograf besonders interessiert. Denn er wollte in erster Linie die Stärke des Lichts erfahren, und dann erst, wie viel davon sein Motiv schluckte. Das Gefälle zwischen hellen und dunklen Bildpartien, der Gesamtkontrast, war natürlich ebenfalls von Bedeutung, denn der Film konnte nur ein bestimmtes Maß verkraften. Das alles zu erfahren war für den anspruchsvollen Fotografen zweifellos sehr wichtig, und das ist es auch heute noch. Nur gibt es inzwischen die sofortige Bildkontrolle, und Aufnahmen kosten nichts mehr.

Brauchen Sie den wirklich?

Brauchen Sie den wirklich?

Ist dies das Aus für den Handbelichtungsmesser? Nein. Aber weil er jüngst wieder in einem Fotobuch für Anfänger auftauchte, gilt es klarzustellen, dass in 99 % aller Amateuraufnahmen Testbilder und Sichtkontrolle die bessere Wahl sind. Allerdings lässt sich anhand des Monitorbildes nur schwer beurteilen, wie das Bild gedruckt aussieht. Wer für wiederholbare Ergebnisse (etwa um bei Katalogen ein gleichbleibendes Druckergebnis zu gewährleisten) bestimmte Helligkeitsverhältnisse einhalten muss (zum Beispiel: Schatten genau zwei Blenden dunkler als Lichter), dem ist ein Handbelichtungsmesser noch immer nützlich.

Abblendtaste

Freuen Sie sich der Springblende.

Freuen Sie sich der Springblende.

Die Abblendtaste ist sicher nicht ganz unnütz, ich benutze sie sogar hin und wieder, aber nicht so recht mit Begeisterung, schlicht weil das Sucherbild bei kleinen Blenden zappenduster wird und sich die Schärfentiefe nur sehr grob beurteilen lässt. Trotz des wesentlich kleineren, aber hellen Monitorbildes scheint mir eine Testaufnahme aussagefähiger.

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