Definition der fotografischen Hüllkurve

von Ming Thein, 2014

mit freundlicher Genehmigung des Autors

Hier der Originalartikel

Übersetzung und leichte Kürzung: Wolfgang Bohnhardt

Bilder: Ming Thein

Ming Thein

Ming Thein lebt in Kuala Lumpur, Malaysia. Bereits mit 16 schloss er ein Physikstudium in Oxford ab. Seit 2011 ist er Berufsfotograf, vorwiegend im Bereich Produktfotografie. Seine besondere Leidenschaft gilt dabei der Fotografie hochwertiger Uhren. Seinen lesenswerten Blog (in Englisch) finden Sie unter mingthein.com

Der verborgene Berater in mir kommt zum Vorschein

Ich habe letztens einige Mails erhalten mit der Bitte, die fotografische Hüllkurve zu erklären – einen Begriff, den ich in meinen Artikeln und Tests recht häufig verwende, und anscheinend war ich etwas nachlässig darin, genau zu erklären, was ich damit meine. Dem helfen wir heute ab und erklären, warum der Begriff von Bedeutung ist.

Jedes Kamera-Objektiv-System unterliegt einer Reihe von Bedingungen, unter denen es optimal arbeitet und die bestmögliche Bildqualität abliefert. Diese bilden die fotografische Hüllkurve. Sie berücksichtigt nicht nur das verfügbare Licht, sondern auch andere Faktoren wie leichte Bedienbarkeit, Stabilität und bis zu einem gewissen Maß den Motivbereich. Je größer die fotografische Hüllkurve einer Kamera, desto vielseitiger ist sie. Allerdings: Geht eine Hüllkurve in einer Richtung sehr weit, geht das fast immer auf Kosten anderer Richtungen.

Hier die neun Hauptelemente der fotografischen Hüllkurve, alle bei typischer Nutzung (wenn wir etwa die Nutzung des Großformats erwägen, kalkulieren wir dessen Möglichkeiten bei wenig Licht vom Stativ, denn das ist ohnehin die übliche Verwendung):

Auflösung

Sie berücksichtigt sowohl die Pixelzahl des Sensors (oder, bei Film, ein Äquivalent) als auch die Optiken, die für das System verfügbar sind. Auch Schärfe sollte berücksichtigt werden, und eine D800E wird hier höher rangieren als eine D800; eine Sigma DP Merrill höher als ein Bayer-Sensor gleicher Pixelzahl.

Tragbarkeit

Das Kameragewicht spielt keine Rolle – Sie müssen das Gewicht des gesamten Systems unter typischen Bedingungen abwägen. Das heißt, selbst wenn die Kamera nicht besonders schwer ist, aber schwere Objektive oder ein Stativ verlangt, wird sie hier in der Wertung merklich sinken. Einzurechnen ist zum Beispiel ein angemessenes Stativ für eine Großformatkamera. Ich glaube, man kann Kameras grundsätzlich in zwei Kategorien einteilen: 1. hosentaschen- oder jackentaschentauglich, 2. verlangt Gürteltasche, Schultergurt, Tasche, Scherpa.

Dunkelfähigkeit

Dieses Maß beschreibt mehr als nur das Rauschen eines Raw-Fotos hoher ISO-Zahl. Auch eingebaute Stabilisatoren gehören hierzu, die größte Öffnung der verfügbaren Objektive (sowie das Fokusvermögen dieser Objektive bei wenig Licht) etc. Nach dieser Definition wird eine E-M1 viel höher rangieren als etwa eine GM1, auch wenn deren Sensoren sehr ähnliche Rauschcharakteristiken haben. Die Bildstabilisierung wird eine ganze Menge an Bildqualität zurückholen, indem sie kleinere ISO-Zahlen erlaubt. Allerdings lässt sich dadurch keine Motivbewegung kompensieren, weshalb sie trotz Stabilisierung nicht so hoch rangiert wie eine D4.

Dynamikumfang

Erklärt sich wohl selbst. Mehr ist besser.

Handhabung

Neben der Einfachheit der Bedienung – macht die Bedienung auch Freude? Fotografieren Sie gern mit dieser Kamera? Derlei lässt sich natürlich nicht messen, doch ich halte es für wichtig, in Erwägung zu ziehen. Ich selbst bin zu Experimenten viel eher geneigt mit Kameras, die ich gern bediene.

Systemvollständigkeit

Welche Optiken, Blitzgeräte und sonstiges Zubehör ist erhältlich? Gibt es überhaupt ein System? Bei Kameras mit festen Objektiven rechnet man hier Öffnung und Zoombereich sowie erhältliche Adapter/Konverter ein.

Stabilität

Eine Kombination von Masse und Dunkelfähigkeit – eine Großformatkamera auf einem Stativ ist sehr stabil, aber nicht so gut im Dunkeln; nicht allein wegen der langen Belichtungszeiten, sondern auch wegen der Schwierigkeiten, auf der Mattscheibe scharfzustellen und ein Bild zu komponieren.

Geschwindigkeit

Hierzu gehören Schärfe einstellen und verfolgen, Menünavigation, Ändern von Einstellungen, Speicherzeiten etc. Flotte Kameras können tatsächlich lange bis zur ersten Aufnahme brauchen – die GM1 ist ein gutes Beispiel. Sie reagiert schnell, aber wegen ihrer Kleinheit muss man sie aus der Tasche holen (und deshalb mit Objektivdeckel verstauen), Deckel abnehmen, Objektiv ausfahren, einschalten. Im Gegensatz dazu eine D4 um den Hals: einschalten, ans Auge halten. Oder eine mechanische Filmkamera, die immer bereit ist: nur scharfstellen (oder bei Hyperfokalaufnahmen nicht einmal das).

Haltbarkeit

Wie viel Misshandlung verträgt sie? Hält sie etwas Wasser aus? Je mehr, umso besser natürlich …

Vielleicht kann man dies besser auf einem Radarbild veranschaulichen, das ich erstellt habe und das die fotografischen Hüllkurven für einige Kameras zeigt, basierend auf der obigen Liste (natürlich subjektiv). Mehr Fläche bedeutet eine größere fotografische Hüllkurve. Je nach Prioritäten kann dieses Bild im Gedächtnis Ihnen helfen, das beste Werkzeug für die jeweilige Aufgabe zu finden. Die falsche Ausrüstung dabeizuhaben und zu wissen, dass die richtige zu Hause liegt, kann frustrierender sein, als gar keine Ausrüstung dabei zu haben!

Bedenken muss man, dass die Hüllkurve sich deutlich verändern kann je nach Einsatz der Kamera: Zum Beispiel sind Hasselblads mit Film oder mit Digitalrückteil sehr verschieden. Oder eine D800E mit dem Ziel maximaler Auflösung im Gegensatz zum Ziel der Webnutzung und starken Verkleinerung.

Werfen wir noch einmal einen Blick auf das Bild. Ich habe es in zwei Bilder aufgeteilt für Kameras mit geringer und hoher Auflösung, denn zu viele farbige Linien sind verwirrend:

Gering auflösende Kameras — derselbe relative Maßstab wie bei hochauflösenden

 

Hier wird ziemlich klar, dass man Tragbarkeit für Ergonomie eintauscht, für Systemvollständigkeit, Dunkelfähigkeit usw.: größer ist deutlich besser.

 

Hoch auflösende Kameras — derselbe relative Maßstab wie bei gering auflösenden

 

Bei hochauflösenden Kameras ist die Sache nicht so deutlich. Jede Kamera hat ihre eigene Mischung aus Vor- und Nachteilen. Das Bild zeigt auch, wie vielseitig die D800E ist. Die meisten dieser Gewichtungen werden Sie auf einer unterbewussten Ebene vermutlich bereits kennen, so wie man ästhetische Vorlieben hat. Dennoch ist es natürlich etwas ganz anderes, Dinge objektiv zu bewerten.

Darüber hinaus ist es wichtig, dass Sie die Hüllkurve Ihrer Kamera verstehen, denn die Kurve zeigt grob die Grenzen dessen, was Sie mit der Kamera tun können. Es hat keinen Sinn, etwas mit ihr anzustellen, dessen sie nicht fähig ist – oder, falls Sie ein Masochist sind, können Sie Situationen finden, um sich absichtlich selbst herauszufordern.

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