Bildbesprechungen

Bildbesprechungen erinnern mich oft an zwei Dinge. Erstens an Gedichtinterpretationen im Deutschunterricht. Ich konnte sie damals nicht leiden – vielleicht weil ich selbst Gedichte schrieb – und kann es Jahrzehnte später noch immer nicht, auch wenn ich das Gedichteschreiben schon lange aufgegeben habe. Ein Kunstwerk, das der Deutung bedarf, scheint mir zumindest ein großes nicht zu sein. Gedichte interpretieren heißt die Pointe eines Witzes zu erklären. Für manche Werke muss man reifen, aber es hilft selten, wenn man gleichsam eine Explosionszeichnung des Werkes dargeboten bekommt.

Zweitens erinnern mich „objektive“ Bildbetrachtungen an Ökonomen. Im Nachhinein können sie den jüngsten Crash stets detailliert erklären. Bei dessen Vorhersage sind sie dagegen ähnlich erfolgreich wie Laien.

Aber es stimmt: Bildkommentare bringen uns wenig voran, wenn sie sich in „schön“ und „gefällt mir“ erschöpfen. Wer mehr bieten will, gerät jedoch schneller hinaus auf die weite See der Spekulation, als der seminarreife Ton vieler Bildbesprechungen uns glauben macht.

Zuweilen wird der Betrachter förmlich ins Bild gezogen

Zuweilen wird der Betrachter förmlich ins Bild gezogen

Echte Objektivität erschöpft sich in der Beschreibung des Technischen, doch selbst da kann diese Objektivität erstaunlich subjektiv sein. Format, vorwiegend helle oder dunkle Darstellung, Verteilung und Gewichtung der Tonwerte, Schärfe und Unschärfe, Kontrast von Helligkeit und Farbe – das lässt sich einigermaßen gefahrlos feststellen. Aber sehen wir all das Offensichtliche nicht auch, ohne dass es uns jemand vorbetet? Gewiss, nur der Geübte weiß sofort, wonach er Ausschau halten muss; nur er kann es sogleich in Worte fassen, aber haben wir damit mehr gewonnen als die rasche Feststellung, dass das Bild scharf und richtig belichtet ist?

Schon bei der Festlegung von Blickführung und der Reduktion wichtiger Bildteile auf einfache geometrische Formen wird mir oft unwohl. In einem Portrait können wir Augen und Mund zu einem auf der Spitze stehenden Dreieck verbinden. Aber nehmen Sie dieses Dreieck in Portraits wirklich war? Immer? Ich so gut wie nie. Oder aber Dutzende – wie man will. In jedem nicht allzu eintönigen Bild können Sie drei beliebige leidlich wichtige Punkte nehmen: Die Verbindung wird immer ein Dreieck sein, bei zwei Punkten eine Linie, bei vier ein Viereck. Diese Formen finden wir in einem Bild bereitwillig, wenn man sie uns vorschlägt. Haben wir in einer Wolke einen Zentaur erkannt, sind wir danach nicht mehr in der Lage, ihn zu übersehen.

Klare Sache

Klare Sache

Verfolgen wir die Augenbewegungen eines Bildbetrachters, wird sich bei vielen starken Bildern ein Schwerpunkt schnell ausmachen lassen. Doch wo sich der Blick zuvor und danach hinwendet und wie lange er wo verweilt – bei diesen Fragen werden die Unterschiede zwischen den Betrachtern schon so deutlich, dass von der Blickführung nur ziemlich gewagt die Rede sein kann, und wenn man sie mit Rotstift noch so selbstsicher hinmalt.

Ja, wir kennen alle den Goldenen Schnitt, den Zusammenhang von Zentrierung und Statik, die Wirkung von „positivem“ und „negativem“ Raum; wir glauben zu wissen, welche Linien den Blick führen, welche ihn hemmen, welche ihn gar fehlleiten. Aber wie passt das damit zusammen, dass gute Fotografen oft nur deshalb bessere Bilder machen, weil sie bereitwilliger die schlechten wegschmeißen? Damit, dass auch erfahrene Fotografen sich der Schrotflintentaktik bedienen, bedienen müssen? Dass auch Bestsellerautoren nicht garantiert Bestseller schreiben?

Bekanntlich scheitert man schon seit der Antike daran, Schönheit zu definieren. So wenig wie man einen Nummer-Eins-Hit planen kann, kann man ein sehr gutes Bild planen. Erfahrung und Wissen versetzen Profis in die Lage, ein schlechtes mit einiger Wahrscheinlichkeit zu vermeiden. Sie lassen ihn früher erkennen, welcher von den Versuchen wenig Erfolg verspricht. Das ist schon viel wert. Ja, vielleicht ist es das, was verlässlicher den guten Fotografen ausmacht: nicht gute Bilder zu erkennen, sondern schlechte.

 

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