Echt scharf?

Schärfen ist eine Wissenschaft. An allen fotografischen Ecken diskutiert man sie. Darf auch vor oder nur nach der Bearbeitung geschärft werden? Sollte man es sogar vorher tun? Welcher Regler ist beim Unscharfmaskieren der wichtigste? Spielt der Schwellenwert eine wesentliche Rolle? Muss man mit Hochpass schärfen? Soll man zum Schärfen kurzzeitig in den LAB-Modus auswandern? Genügt es, einen der Farbkanäle zu schärfen? Und wie viele Schärfungsdurchgänge verkraftet ein Bild? Von den Feinheiten der Gestaltung einer Kantenmaske ganz zu schweigen.

Schärfen ist eine Wissenschaft

Schärfen ist eine Wissenschaft

Ja, man kann über das Schärfen sogar Bücher schreiben. Bruce Fraser, ein 2006 verstorbener Guru der digitalen Bildbearbeitung, hat das getan. Gut, die Buchstaben darin sind relativ groß und die Bildbeispiele zahlreich. Der Autor geht langsam vor und erlaubt sich zahlreiche Wiederholungen. (Die würde ein unbeleckter Leser vielleicht schätzen, aber der würde sich kaum zu einem solchen Buch verirren.) Ich habe „Image Sharpening“ dennoch mit großem Gewinn gelesen, denn Herr Fraser hat mir eine dieser wunderbar schlichten Erkenntnisse vermittelt, bei denen man sich hinterher wundert, warum man nicht selbst drauf gekommen ist. Wenn man wissen wolle, so Fraser, wie sich eine bestimmte Schärfung im Druck mache, gebe es nur eine zuverlässige Methode: Man lasse das Bild drucken und betrachte es.

Das ist tatsächlich die Quintessenz des Buches hinsichtlich der Frage: Wie viel? Das Buch behandelt natürlich viel mehr als das, aber die verschiedenen Techniken zum umfassenden und selektiven Schärfen von Kanten waren mir alle bekannt. Wofür ich den winkenden Zaunpfahl benötigte – ich gestehe es –, war die Erkenntnis, wie leicht es ist, die Antwort auf die Frage „Wie viel?“ zu bekommen: ausprobieren. Denn diese Antwort gab sich auch Bruce Fraser. Immer wieder betont er, wie sehr seine Vorschläge weniger Kalkulationen als Erfahrungswerten geschuldet sind und sich so manchem Irrweg verdanken. Weil das Druckergebnis der berechnenden Erwartung so häufig hohnsprach, entwickelte Fraser Schärfungstechniken, die der alten Lehre zunächst gegen den Strich gingen. Seine Methoden der ausgabeunabhängigen Vorschärfung habe ich – vorerst und testweise – übernommen. Sie überzeugen mich logisch zwar nicht so ganz, aber sie zeitigen derart subtile Ergebnisse, dass sie kaum schaden können.

Man bastele sich mit seinem Bildbearbeitungsprogramm also ein paar Testbilder mit Ausschnitten identischer Motive mit verschiedenen Schärfungseinstellungen. Die Motive sollten sowohl flächige wie detailreiche Anteile haben (nieder- und hochfrequente heißt das auf Fachchinesisch); die Schärfungsmethoden  und -einstellungen müssen natürlich auf dem jeweiligen Ausschnitt per Textwerkzeug festgehalten werden. Wer es ganz genau wissen will, rechnet die Bilder (zuvor!) auch noch in verschiedene Auflösungen zwischen 150 und 400 ppi um. Das Ganze schicke man an mehrere Druckdienstleister und drucke die Bilder, wenn möglich, auch selber aus. Wenn man nicht zu sehr geizt und eine breite Palette an Einstellungen ausprobiert, ist Erkenntnis garantiert. Zumindest eine, auf der sich aufbauen lässt, denn jetzt könnte, müsste man dasselbe Spiel mit verschiedenen Papiersorten starten. Es empfiehlt sich, an diesem Punkt kurz innezuhalten und einzuschätzen, ob die Bildschärfung wirklich das vordringliche Problem der eigenen Bilder ist.

Neigen Anfänger tatsächlich zum Überschärfen? Mir scheint eher das Gegenteil der Fall; nach der Lektüre von Bruce Fraser noch mehr. Die unterschärften Bilder fallen bloß nicht so auf. Ich kann nicht bestätigen, was man so häufig – auch bei Bruce Fraser – liest: dass eine angemessene Schärfung für den Ausdruck am Bildschirm so gruselig aussehe. Eine 200-Prozent-Ansicht sieht immer gruselig aus. Heutige Bildschirme erlauben aber die Betrachtung eines ganzen 40×30 cm großen Bildes. Natürlich nur in der Monitorauflösung (heute meist um die 100 ppi). Aber die Ausgabeschärfung wurde ja mit heruntergerechnet, und eine Überschärfung gruselt mich da eher beim Ausdruck. Dem kann aber auch eine weitere Erkenntnis zugrunde liegen, die man ebenfalls nicht anders denn durch Ausprobieren gewinnt: dass Fotodienstleister selbst auch schärfen. Bei meinem Test schärfte am stärksten derjenige, den man ausdrücklich bitten konnte, davon abzusehen.

Zahlen werde ich keine nennen, denn das hält Sie womöglich davon ab, sich – buchstäblich – ein eigenes und damit wirklich aussagefähiges Bild zu machen. Bei manchen Lösungen fragt man sich eben, warum man nicht selbst drauf gekommen ist.

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