“Dieses Objektiv ist weich” und andere Fakten

von Roger Cicala, März 2010

Roger Cicala ist der Inhaber des Fotoausrüstungs-Verleihs Lensrentals in Alabama, USA. Er ist außerdem ein häufig zitierter Blogschreiber zu fototechnischen Fragen. Dies ist die leicht gekürzte Übersetzung seines Blogartikels “‚This Lens is soft‘ and other facts“. Mit freundlicher Genehmigung des Autors.

2008 schrieb ich einen Artikel “‘This Lens is soft and other myths”, der besagte, dass alle Objektive und Kameras Toleranzbereiche haben und dass ein bestimmtes Objektiv an einem bestimmten Kameragehäuse scharf sein kann und an einem anderen weich. Zu der Zeit war bei den Gehäusen die Feineinstellung des Autofokus noch ziemlich neu, und ich vermutete, 80 % der Beschwerden über „weiche Objektive“ könnten durch sorgfältige AF-Feineinstellung beseitigt werden (ja, diese Zahl ist willkürlich, doch meiner Erfahrung nach begründet).

Heutzutage nutzt schier jeder die Autofokus-Feineinstellung, um das Beste aus seinen Objektiven herauszuholen. Was ist mit den restlichen 20 %? Mit den Fällen, wo ein Objektiv auch nach bestmöglicher AF-Justage schlechte Bildqualität liefert? Manch ziemlich gute Erkenntnis ist 2009 ans Licht gekommen. Ich fand sie interessant und habe den bestimmten Eindruck, manchem Kamerahersteller wäre es lieber, Sie würden nichts davon erfahren (oder zumindest nicht darüber nachdenken). Also lohnt es wahrscheinlich.

Können wir die Zusammenfassung gleich haben, falls wir dies alles nicht lesen möchten?

Sicher. Ich werde feststellen, dass manche Objektive spezifische Probleme haben und schlechte Objektive bleiben, auch wenn sie richtig fokussiert werden (ja, ich weiß, das wissen Sie schon). Ich werde auch feststellen, dass manche Kameragehäuse spezifische Probleme haben, die viele Objektive trotz korrekter Fokussierung schlecht wirken lassen (ja, manche von Ihnen wussten das auch schon). Dann werde ich über die Ursachen dieser Probleme reden und ausführlich darüber spekulieren, was „schlechte Chargen“ und „schlechte Kameras“ für die Fotografen, Freaks und Erbsenzähler unter uns bedeuten (ja, diese drei sind unterschiedliche, wenn auch einander überschneidende Gruppen). Was hat sich also seit 2008 verändert?

Kamerasensoren wurden, wie stets, in der Auflösung gesteigert, was jeden Objektivmakel vergrößert. Was an einem 8-Megapixel-Cropsensor unbemerkt bleibt, kann an einer 21-MP-Vollformatkamera furchtbar deutlich werden.

Außerdem sind seit 2008 einige Weit- und Ultraweitwinkel-Objektive von Weltklasse erhältlich: Zeiss 21, Canon 14/2.8, Canon 17 TS-E und Nikon 14-24/2.8 unter anderem. Eine Teleobjektiv hat einen engen Bildwinkel, vielleicht 5 oder 10 Grad, so müssen die Lichtstrahlen nicht stark gebrochen werden, bevor sie auf den Sensor treffen. Der Bildwinkel eines Weitwinkelobjektivs kann 80 Grad und mehr betragen. Die Lichtstrahlen, besonders an den Seiten und Ecken, müssen ziemlich stark gebrochen werden. Ein leichter Unterschied in dieser Brechung zwischen den Seiten wird viel stärker sichtbar bei einem Weitwinkel als bei einem Tele.

Ich will damit nicht sagen, dass Weitwinkel eher Probleme haben als andere Objektive. Es wurden bloß einige der jüngsten Beobachtungen zuerst an Weitwinkeln gemacht, weil sie dort stärker zutage traten. Bis vor Kurzem neigten Weitwinkel zu Weichheit in den Ecken, und man hat das eben akzeptiert. Neuere Objektive sind so viel besser, dass Unterschiede zwischen den Bildseiten bemerkbar wurden (der Unterschied zwischen scharf und weich ist deutlicher als derjenige zwischen weich und weicher).

Schließlich akzeptierte man nach und nach, dass Streuung bei Exemplaren sowohl bei Objektiven wie bei Kameragehäusen auftritt; man begriff, dass Fertigungstoleranzen genau das sind: ein Bereich annehmbarer Werte, kein exakter Punkt.

Dass es also Streuung geben muss, bewog einige Tester und Kritiker, danach zu suchen. Wir alle erwarteten, Zufallsvariationen zu finden: Die Exemplare einer Gruppe würden in unterschiedlicher Hinsicht alle ein wenig unterschiedlich ausfallen. Einige frühe Ergebnisse brachten indes Überraschungen darüber, wie und wo Streuung auftrat.

Objektivstreuung ist nicht immer zufällig

Ich war davon total schockiert. Ich hatte die Streuungen völlig zufällig erwartet. Würde jemand hundert Exemplare testen, so hätte ich eine gleich große Zahl von Über- und Unterfokus erwartet. Gleich viele hätten weichere linke oder rechte Seiten. Und die meisten würden korrekt scharfstellen und auf keiner Seite weich sein. Doch manch frühe Erkenntnis legte nahe, dass dem nicht so ist. SLR Gear testete jüngst fünf Exemplare des Nikon 50 mm/1.4 und fand einige kleinere, zufällige Abweichungen. Als sie fünf Exemplare des Canon 50 mm/1.4 testeten – alle ziemlich neu aus unserem Bestand – , fanden sie alle fünf, in unterschiedlichem Ausmaß, auf der rechten Seite weicher. Fünf von fünf rechts weicher – das ist keine Zufallsstreuung.

Obwohl nicht näher untersucht, gab es schon lange Gerüchte, bestimmte Objektive hätten “schlechte Chargen” oder Hersteller würden “heimliche Verbesserungen” vornehmen. Bestimmte Datumscodes auf manchen Canon-Objektiven sind unbeliebt, weil manche Leute von Ärger mit Exemplaren dieses Codes berichteten (kein Vorwurf an Canon; immerhin gibt es hier einen Datumscode). Andere Objektive werden weithin in neueren Exemplaren für besser gehalten; ältere hatten Probleme.

Unsere eigene Erfahrung stützt dies. Nach einigem Zögern sahen wir uns letztens ein paar Exemplare des Sigma 50-150/2.8 an, testeten sie, mieteten sie für sechs Monate und beschlossen, eine größere Menge in den Bestand aufzunehmen, denn sie schienen großartig. Wir bestellten sechs weitere Exemplare. Alle sechs waren grauenhaft, unglaublich weich, sie gingen sofort zurück. The Digital Picture machte dieselbe Erfahrung. Wir vermuten (und Vermutungen sind gefährlich), dass die zweiten sechs einer anderen Fertigungslinie entstammten. Wir haben ähnliche Erfahrungen mit anderen Objektiven gemacht, die wir in Chargen gekauft haben. Zum Beispiel versagten vom ersten Dutzend des Sigma 150-500 fast alle sehr früh, und wir führten sie nicht länger. Viele berichteten von Ähnlichem, aber viele sagen auch, neuere Exemplare hätten diese Probleme nicht. Das Canon 300/4 IS war eines unserer unproblematischsten Objektive, aber letzten Dezember kauften wir sechs Exemplare, von denen vier elektrische Mängel zeigten. Keines der etwa 30 Objektive, die früher oder später erworben wurden, hatte dieses Problem.

Das ist jetzt keine Wissenschaft, aber dieses Phänomen wurde so oft beschrieben, dass ich glaube, wo Rauch ist, ist auch Feuer. Ich glaube, vier von vier gute Exemplare in einer Lieferung und sechs von sechs schlechte des gleichen Objektivs in einer anderen sind kein Zufall. Ich glaube auch nicht, dass vier von sechs Exemplaren einer Charge mit elektrischen Problemen Zufall sind, während keines von 30 anderen solche Probleme hat. Nennen Sie mich paranoid, wenn Sie wollen.

Werfen Sie mal einen Blick auf Ihr schweres, robustes Kamerabajonett und auf das Objektivbajonett. Angeschlossen sollte das Objektiv in genau rechtem Winkel zum Sensor stehen. Als Lloyd Chambers mehrere Exemplare eines sehr scharfen Weitwinkels an einer hochauflösenden Kamera testete, fand er heraus, dass alle bis auf eines rechts durchgängig weicher waren. An einer anderen Kamera war die linke Seite durchgängig weicher, ausgenommen zwei Exemplare. Weitere Tests mit anderen Objektiven und Kameras brachten ähnliche Ergebnisse. Das Endresultat ist diese Entdeckung: An einer hochauflösenden Kamera mit einem Qualitätsweitwinkel können geringste Abweichungen in der Ausrichtung von Sensor und Objektivanschluss für derlei Probleme verantwortlich sein.

Wie geringe Abweichungen? Eine seiner Quellen behauptete, schon 20 Mikron (0,02 mm) genügten, Seitenunterschiede hervorzurufen. Solche Abweichungen, sagte man mir, können Sie nur mit einem Laborlaser feststellen. Maschinenteile für medizinische Geräte dürfen Toleranzen von rund 50 Mikron haben, und es schiene unwahrscheinlich, dass ein Kamerabajonett mehr als zweimal so genau gefertigt wird wie ein Arthroskop. Mit anderen Worten: Mit einem Spitzenweitwinkel an einer hochauflösenden Kamera können wir Fertigungsdifferenzen von 20 Mikron erkennen, doch der Hersteller kann wahrscheinlich seine Teile zu vertretbaren Kosten nicht akkurater fertigen als +/- 50 Mikron.

Bevor die Markenfans unter Ihnen sich nun anhand dieser Sätze daran machen zu behaupten, ihre Marke sei besser als die Anderer: Es gibt zahlreiche Hinweise, dass Streuung jede Marke betrifft. Joseph Holmes schrieb einen schönen Artikel über Streuung bei teuren Mittelformatobjektiven. Sie scheinen mindestens den Grad an Streuung von SLR-Objektiven aufzuweisen, obwohl sie viel mehr kosten. Sogar Zeiss wird offenbar handverlesene Optiken für ihre neuen Compact-Prime-CP2-Objektive verwenden im Unterschied zu den Standard-ZE-Objektiven, was vermutlich engere Toleranzen bei diesen teureren Objektiven bedeutet.

Ein nüchterner Blick auf den Herstellungsprozess

Haben Sie schon mal Canons sehr schönes Video darüber gesehen, wie ein Objektiv hergestellt wird? Oder einen Zeiss-Artikel über Objektivfertigung gelesen? Haben Sie bemerkt, dass es zu 90 % um die Gläserherstellung geht? Das ist natürlich interessant, und ich glaube heute, dass die Glaselemente der Objektive eine überlegene Qualitätskontrolle durchlaufen und so perfekt sind wie irgend möglich. Ich glaube nach eingehender Lektüre auch, dass Objektivdesign heute weit besser ist denn je. Aber haben Sie auch bemerkt, dass man Ihnen nicht zeigt, wie Objektivtubus, Schneckengang oder Platinen gefertigt werden? Oder wo sie gefertigt werden? Soviel ich herausfinden konnte, besitzt keiner der Objektivhersteller Metallgießereien oder Drehbänke, was mich zu der Annahme führt, dass all die Metallteile und wahrscheinlich die Platinen von Zulieferern gefertigt werden.

Wir wissen, dass alle Hersteller die Fertigung gewisser Teile auslagern, und diese Lieferfirmen werden selten bekannt. Das bedeutet vermutlich auch, dass Zulieferer, verantwortlich für all die Metallteile, die Objektivelemente in der besten Position halten sollen, Angebote abgeben und die Hersteller mit Teilen zur späteren Montage beliefern. Der Zulieferer kann wechseln, die Werkzeugmaschinen können verschleißen, und eine Charge von Schneckengängen kann geringfügig anders ausfallen als die übrigen, eine Platinencharge kann anfälliger für Kurzschlüsse sein. Das erklärt vielleicht, warum eine gewisse Charge eines bestimmten Objektivs Mängel zu haben scheint, während andere einwandfrei arbeiten. Es erklärt vielleicht auch das Phänomen der „heimlichen Verbesserung“, bei dem notorisch mangelhafte Objektive den Mangel plötzlich nicht mehr aufweisen. Die „heimliche Verbesserung“ lag vielleicht bloß darin, dass ein Zulieferer durch einen anderen ersetzt wurde, der bessere Teile fertigte. Letztens, um ein weiteres Beispiel zu nennen, hieß es von Nikons 70-200/2.8 VR II, es habe feine Metallspäne, die laut Nikon von „während der Produktion verbliebenen Luftlöchern im Metallteil des Tubus“ rührten. Wir wissen alle, dass sie in der nächsten Montagereihe nicht mehr da sein werden. Wir werden nie erfahren, ob das an besseren Tuben des Zulieferers oder an einem neuen Zulieferer lag.

Aber – selbst wenn alles so gut wie nur möglich läuft: Ich glaube, wir haben heute Kamerasensoren und optische Designs, die einfach zu gut sind für den aktuellen Stand der Massenproduktion. Nehmen wir an, eine Ausrichtungsabweichung von 20 Mikron zwischen Bajonett und Sensor lässt sich bei einer hochauflösenden Kamera mit Spitzenweitwinkel tatsächlich an Schärfenunterschieden der Bildseiten feststellen. Sehen Sie sich Kamera- und Objektivbajonett an, die kleinen Schrauben, die sie festhalten. Denken Sie daran, wie Sie Ihr 70-200/2.8 vor ein paar Tagen an diesem Bajonett herumgeschlenkert haben. Glauben Sie wirklich, das Bajonett ist so präzise an der Kamera angebracht? Oder auch nur so präzise gefertigt? Ich halte das nicht für möglich.

Und in jedem Objektiv sind bis zu 16 Elemente, von denen manche in einer Spiralnut vor- und zurückgleiten zum Scharfstellen oder Zoomen. Wie verkantet müsste ein Element sein, um einen sichtbaren Unterschied hervorzubringen? Oder wie ungenau der innere Tubus, um einen ähnlichen Effekt zu haben? Ich habe keine Ahnung, aber ich wette, nicht viel. Fragen wir jetzt noch einmal, warum eine Charge von 50/1.4-Objektiven, etwa zur selben Zeit gekauft, auf der rechten Seite weicher ist als andere. Ich nehme an, weil eine Lieferung von Tuben, Schneckengängen oder anderen inneren Teilen über der Toleranzgrenze lag und nun alle Objektive mit diesem Teil ein Element besitzen, dass rechts ein wenig vorsteht. Warum wird eine Gruppe von Objektiven wahrscheinlich elektronisch versagen, während andere Exemplare des gleichen Modells es selten tun? Wahrscheinlich eine Charge schlechter Platinen, vielleicht eine Charge schlechten Lötzinns innerhalb einer Montagelinie.

In Tagen des Films war die Bildebene nicht annähernd so plan und der Abstand zum Objektiv viel variabler als bei einem Digitalsensor, sodass derart geringe Unterschiede wahrscheinlich keine Rolle spielten. Auch geringauflösende Sensoren können diese marginalen Streuungen bei der Objektiv- und Bajonettmontage nicht aufspüren.

Um das Ganze zusammenzufassen, scheinen mir folgende Punkte ziemlich offensichtlich. Ich bin nicht sicher, ob sie alle völlig richtig sind, aber ich wette, sie liegen nahe an der Wirklichkeit.

  • Die mechanischen Teile, die zusammen ein Objektiv, Bajonett oder Sensor bilden, variieren geringfügig bei jedem Objektiv und jeder Kamera.
  • Diese Variationen bewirken bei jedem Objektiv- oder Kameraexemplar eine geringfügig andere Charakteristik.
  • Ein Objektiv kann an der einen Kamera tadellos funktionieren und an der anderen nicht. Eine Kamera kann einwandfrei arbeiten mit einem bestimmten Objektiv und mit einem anderen nicht.
  • Manche Objektive (und Kameras) liegen derart außerhalb der Toleranzen, dass sie schlicht versagen, egal woran sie angeschlossen werden.
  • Es scheint logisch, dass mangelhafte Chargen wegen defekter Teile auftauchen, die durch die Routinekontrolle geschlüpft sind. Oder der Hersteller fand es billiger zu liefern und zu reparieren, statt eine Lieferung aufzuhalten.
  • Erfährt der Hersteller von einer mangelhaften Charge, wird er vermutlich das Problem orten und bei künftigen Produkten beheben, aber er wird es nicht bekanntgeben, wenn es nicht unbedingt nötig ist – etwa wenn ein Mangel den Gesamtverkauf des Produkts gefährdet. Rogers Gesetz der Problemmeldung: Wenn gemeldet wird, dass 5 % aller Objektive X einen bestimmten Mangel haben, dann werden 50 % der Mitglieder irgendeines Onlineforums behaupten, ihr Objektiv habe diesen Mangel. Ob sie nun Objektiv X besitzen oder nicht.
  • Natürlich sind die Chargen danach nicht unbedingt besser, nur anders. Ein Problem wurde vielleicht gelöst, aber der neue Lieferant von Teil 32543 hat vielleicht schlechte Teile gefertigt, oder die Werkzeugmaschine zur Herstellung der letzten Reihe von Teil 2433 unterlag stärkerem Verschleiß und größerer Ungenauigkeit.

Die Schlussfolgerung? Zunächst die praktische. Testen Sie jedes neue Objektiv gleich nach dem Auspacken auf vernünftige Weise. Als jemand, der eine Menge Testprotokolle und leidlich raffinierte Geräte besitzt, um sowas schnell und effektiv zu machen, sage ich Ihnen, dass Sie derlei nicht brauchen. Nehmen Sie einfach ein paar Ziegelmauern, Zäune und dergleichen in einer flachen Ebene und machen Sie ein paar Bilder. Ein wirklich gravierendes Problem wird schnell offensichtlich. Ist das Objektiv übel, tauschen Sie es um. Senden Sie es nicht zur Reparatur, denn gewisse Hersteller neigen dazu, von Stoßschaden zu sprechen, selbst wenn Sie das Objektiv gerade erst ausgepackt hatten. Nein, ich nenne keine Namen. Kaufen Sie also nicht dort, wo man die Ware nicht zurücknimmt. Doch verwechseln Sie nicht die Notwendigkeit zur AF-Feineinstellung mit einem schlechten Objektiv.

Schlechte Zeiten für Erbsenzähler. Wenn Sie beim Bild einer hochauflösenden Vollformatkamera nur nah genug herangehen, werden Sie wahrscheinlich kleinere Mängel bei jedem Ihrer Objektive erkennen. Wenn Sie 13 Exemplare durchprobieren und ein perfektes erwischen, denken Sie daran, niemals ein neues Kameragehäuse zu kaufen, denn das Objektiv wird an diesem kaum perfekt sein. Es ist einfach so: Heutige Herstellungsprozesse sind dem Objektivdesign und der Sensorauflösung von heute nicht gewachsen. Ziehen Sie Ihr Batman-Kostüm an und ertragen Sie es. Oder fotografieren Sie eine Weile mit einer Holga und kommen Sie so drüber hinweg. Und gucken Sie keine 100-%-Ansichten mehr. Sie werden nicht nur blind davon; 50 % Monitorauflösung ist mehr, als Ihr Drucker reproduzieren kann. Außer Sie drucken Plakatwände für die Betrachtung aus anderthalb Metern.

Ich habe den Verdacht, die Hersteller wissen um all das besser Bescheid als ich. Natürlich ist ihre erste Reaktion: „Hoffentlich merkt’s keiner“. Ich bin aber auch sicher, dass sie nach kostengünstigen Wegen suchen, Herstellungstoleranzen zu verkleinern und das Problem zu entschärfen. Lassen Sie mich übrigens denen einen neuen Blickwinkel aufzeigen, die schreien: „Für 2.000 Dollar sollte mein Zoom perfekt sein.“ Eine schöne, cinematografisch geeignete Festbrennweite (sprich: die bestmögliche) kostet zwischen 8.000 und 25.000 $, während ein Spitzen-Filmzoom zwischen 25.000 und 70.000 $ rangiert. Und selbst für diesen Preis muss ein Techniker eine Stunde damit verbringen, Objektiv und Kamera aufeinander einzustellen, damit sich die bestmöglichen Resultate erzielen lassen. Die besten SLR-Objektive kommen nicht mal in die Nähe der Qualität (oder der Qualitätskontrolle) von einfachen Filmobjektiven. Und einen hauptberuflichen Kameratechniker haben Sie vermutlich auch nicht.

Nebenbei: Dies wird, glaube ich, den letzten Nagel in den Sarg des Megapixelkrieges schlagen. Die 4/3-Hersteller haben schon gesagt, dass sie nur bis 12 MP gehen wollten. Ich erwarte, dass die Vollformathersteller einen Stopp bei etwa 30 MP einlegen, einfach weil mehr keinen Sinn hat: Sie lösen schon mehr auf, als die Qualitätskontrolle ihrer besten Objektive prüfen kann.

PS: Jemand schrieb: “Roger, du versuchst doch immer, die Zukunft vorherzusagen. Wie lautet also deine Vorhersage hierüber?“ Schön, hier ist sie: Ich halte eine präzisere Herstellung zu vernünftigen Kosten für nicht wahrscheinlich. Was meiner Meinung nach passieren wird: Wir werden Software nutzen, die wir bereits heute zur Korrektur bekannter Linsenfehler einsetzen. Panasonic tut das schon mit seinem 20 mm/1.7, und Hasselblad tut etwas ähnliches mit seiner neuen H4D. Ich könnte mir vorstellen, dass der letzte Schritt des Herstellungsprozesses eine lasergestützte Aufnahme sein wird, mit der sich Werte gewinnen und in den EPROM-Speicher von Objektiven und Kameras schreiben lassen zur Kompensation unvermeidlicher Hardwareabweichungen. Ich konnte es nicht nachprüfen, doch ich hörte, Leica mache etwas in dieser Art (wenn auch einfacher) heute mit den S2-System-Objektiven. Vielleicht werden Objektive auch künftig so entworfen, dass sie Bajonettabweichungen und andere Streuungen genauso korrigieren können, wie wir heute den Autofokus per Feineinstellung korrigieren.

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Lehrgeld

Wir zahlen alle Lehrgeld. Besonders in der Fotografie sogar schmerzliche Summen. Doch es ist nicht vergeblich (ich war kurz versucht, „umsonst“ zu schreiben).

Es ist ziemlich egal, ob wir Klavier spielen, Rosen züchten oder fotografieren. Der Weg zur Perfektion ist selten geradlinig. Dabei stehen sie überall am Wegesrand, die Routiniers, die uns beinahe anflehen, auf ihre Erfahrung zu hören und das Teure zu kaufen, denn das sei billiger als das Billige und das Teure zusammen; und Letzteres kaufe man schlussendlich sowieso. So recht sie haben, so wenig Gehör schenken wir ihnen. Die Preise in den Hochglanzprospekten sind ein zu grauenhafter Anblick. Wir wissen, man bekommt nichts geschenkt, und glauben dennoch, mit dem Billigeren davonzukommen. Der amerikanische Fotograf und Fotoblogger Thom Hogan hat die Ableistung der Lehrgeldzahlung launig dargestellt: Der typische Fotograf …

… versucht es zuerst freihand. Schließlich merkt er, dass seine Resultate nicht so scharf sind wie diejenigen Anderer. Im nächsten Schritt wird also die eigene Technik verbessert. Ellbogen werden angelegt, die Kamera wird an stabilen Gegenständen abgestützt, der Atem wird angehalten und so weiter. Aber das hilft nicht immer. Und ganz sicher nicht immer bei sehr langen Objektiven.

Als Nächstes kommt VR. Schließlich wurde sie konstruiert, um Kamerabewegungen zu eliminieren. Das tut sie, aber weder ist sie unfehlbar, noch löst sie alle Probleme, besonders nicht, wenn man eine Zwei-Sekunden-Belichtung eines Wasserfalls versucht.

Fotografieren ist ein Spaß, aber ein teurer.

Fotografieren ist ein Spaß, aber ein teurer.

Wir finden den Fotografen also im Fotoladen wieder, wo er ein Stativ kauft. Eines von den billigen mit Streben (die machen es stabil, oder?), das ein paar Pfund wiegt und schön aussehende Aluminiumbeine hat (75 $). Diese Lösung scheint wenigstens bei den mittleren Brennweiten zu helfen. Doch nach einer Weile verbiegt sich das untere Segment eines der Beine und lässt sich nicht mehr leicht zusammenschieben. Und mit langen oder schweren Objektiven sackt der Kopf nach, wenn die Kamera nach unten zeigt. Das ganze Ding wackelt im Wind, und man kommt nicht ganz auf den Boden runter damit. Tatsächlich ist der Fotograf die meiste Zeit mit dem Stativ beschäftigt anstatt mit Fotografieren.

Weil die leichten Beine ein Teil des Problems zu sein schienen, besteht der nächste Schritt darin, ein klobigeres Gestell zu kaufen (125 $ Minimum; bisher 200 $ gesamt). Üblicherweise sind das dann klassische Bogen-Beine (das 3021 ist beliebt, heute auch das 3001) mit dem Doppelgriff-Panoramakopf. Das löst eines der Probleme: Das untere Beinsegment verbiegt sich nicht mehr im Gebrauch. Und richtig eingesetzt, löst es das grundlegende Stabilitätsproblem, denn das Gewicht von 4 Pfund und die robusten Beine geben der ganzen Sache zumindest eine solide Basis. Aber nun scheint der Fotograf ständig mit dem Stativkopf zu kämpfen (Panoramaköpfe wurden für Videokameras entworfen, nicht für Fotokameras). Die Kamera auszurichten wird zur Geduldsprobe. Ein Bild richtig in den Kasten zu kriegen, klappt nicht immer beim ersten Mal (der Kopf sackt wieder).

Beginnen wir also die Prozession der Stativköpfe (50-200 $ plus so manche Wechselplatte zu 25 oder 50 $; sind bis jetzt: 700 $) . Der erste Versuch eines neuen Kopfes ist üblicherweise eine „bessere“ Variante des Bestehenden oder vielleicht ein sehr kleiner, billiger Kugelkopf. Nichts davon wird die Probleme unseres Fotografen lösen; nach wie vor bleibt das Hauptproblem, die Kamera zügig auszurichten. Also ist der nächste Kopf normalerweise der Pistolengriff, weil der schneller zu sein scheint. Das Problem ist immer noch nicht im Griff (und hochkant wird es nun etwas schwierig), also beginnt die Kugelkopfparade. Der erste „ordentliche“ Kugelkopf wird einer von Manfrotto (Giotto), möglicherweise mit eingebautem Wechselsystem irgendeiner Art. Das geht erst mal besser, aber unser Fotograf stellt immer noch fest, dass sich die Kamera ein wenig bewegt, wenn er die Arretierung anzieht. Und manche der Wechselsysteme haben so viel Spiel, dass sie die Stabilität des ganzen Systems untergraben (ein anderes Problem: Nur wenige von ihnen sitzen unverrückbar am Kameraboden. Allmählich lockern sie sich und verkratzen ihn). Also wird ein größerer Kopf probiert. Doch unser prototypischer Fotograf macht noch immer keine Nägel mit Köpfen, denn es ist doch wohl aberwitzig, einen Kopf für 350 $ auf ein Stativ von 125 $ zu montieren, nicht wahr?

Muss es das neueste Modell sein?

Muss es das neueste Modell sein?

Jetzt offenbaren auch die Beine ihre Nachteile. Sie lassen einen nicht ganz auf den Boden mit der Kamera (oder, wenn man ein Bogen mit der trickreichen Mittelsäule hat, zeigen keine großartige Stabilität in bestimmten Positionen). Und die ganze Konstruktion wird jetzt auch ein bisschen schwer (je nach Beinen und Kopf vielleicht 7 Pfund). Also kommt ein Satz von Gitzo-Karbonfiber-Beinen auf die Liste (550 $; sind 1.250 $ bis jetzt). Während der Anschaffung der Beine wird sofort deutlich, dass der Kopf der einzige verbliebene Problembereich ist, also …

Unser Fotograf gibt auf und kauft ein Kirk, Really Right Stuff, Markins oder einen Arca-Swiss-Kopf (350 $ plus 100 $ oder mehr für Platten; Gesamtausgabe: 1.700 $ oder mehr). Manche machen hier einen kleinen Abstecher und kaufen so etwas wie den Linhof Profi II (250 $). Und finden dann heraus, dass der Kopf alle Probleme löst bis auf eines: Das verflixte Ding bleibt ohne Locktite nicht fest auf den Beinen.

Lässt sich dieser teure Umweg wirklich vermeiden? Hogan ist nicht allein. Die Mahner und Wegweiser sind zahlreich und voll Eifer. Warum hören wir so selten auf ihre Expertise? Kurioserweise missachten wir ihren Rat nicht bloß (obwohl wir ihre Erfahrung keineswegs missachten), wir handeln oft sogar genau entgegengesetzt. Denn dieselben, die uns raten, gleich zu Beginn das richtige – und teure – Zubehör zu kaufen, erklären uns auch den geringen Rang des Kameragehäuses. Trotzdem können die meisten von uns, die nach oben streben, sich zuerst dazu durchringen, ein teures Kameragehäuse zu kaufen.

Das Sparmodell?

Das Sparmodell?

Es ist nun mal das Wesen des Lehrgeldes, dass es gezahlt werden muss. Wer immer nur auf Anweisung des Meisters handelt, wird nie einer. Es ist etwas anderes, ob man von der Bedeutung eines stabilen Stativs liest oder sie bei Wind und Wetter vor Ort erfährt. Dass eine teure Kamera auch keine besseren Bilder macht, als man selbst imstande ist, begreift man so richtig erst, wenn man sie benutzt.

Sollten wir die Routiniers ignorieren und freudig jeden Abweg der fotografischen Reifung einschlagen, um auch die Qualität von Stativschrauben aus eigener Erfahrung beurteilen zu können? Das wäre wohl übertrieben. Doch haben wir teure Dummheiten begangen, sollten wir dem Geld nicht nachtrauern, sondern es als Lehrgeld für Erfahrungen schätzen, die man sich schriftlich schlecht aneignen kann. Nicht zuletzt müssten wir alle viel mehr für unsere Ausrüstung zahlen, wenn jeder nur das Notwendige kaufte, denn von solch weiser (und damit unterm Strich knauseriger) Kundschaft kann kein Fotogewerbe leben.

Dennoch: Gehen Sie die nächste Erwerbung richtig an: Planen Sie ein teures Abendessen für die Gattin ein, um sie wegen der kostspieligen Anschaffung milde zu stimmen.

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Presseschau I

Gastautorin Astoria Waldorf

Gastautorin Astoria Waldorf

Haben Fotojournalisten eine Rechenschwäche? Dass sie sich bei Rechtschreibung und Zeichensetzung meist großer Unbeschwertheit erfreuen, ist bekannt. Aber haben sie etwa auch den Mathe-Unterricht geschwänzt? Letztens las ich in einer der vorderen Fotopublikationen, der 4/3-Sensor (wie ihn etwa Olympus in seine teureren Kameras einbaut) habe lediglich die halbe Fläche eines Kleinbildsensors. Und in einer anderen Zeitschrift las ich – auch sie von einigem Renommee –, man solle die neue Kamera des bekannten Herstellers Canon besser vier bis fünf Lichtwerte kürzer belichten, als die alte Faustformel vom Kehrwert der Brennweite verlange, um die extrem hohe Auflösung dieser Kamera nicht durch Wackeln zu verschenken. Demnach solle man mit einer 200-mm-Brennweite eine 1600stel Sekunde oder kürzer belichten. (Die Faustformel besagt, dass man mit einem 200-mm-Objektiv ohne Stativ besser nicht länger als eine 200stel Sekunde belichtet.)

Erhöht sich ein Lichtwert um 1, so verdoppelt sich die Lichtmenge. Wollen wir vier Lichtwerte kürzer als 1/200 belichten, müssen wir von der 200stel Sekunde ausgehend vier halbierende Schritte tun: 1/400, 1/800, 1/1600, 1/3200.

Ich habe extra nochmal meinen Taschenrechner befragt, weil ich schon fürchtete, selber eine Rechenschwäche zu haben. Aber er bestätigte mir ruhig und gelassen, dass der 4/3-Sensor kaum mehr als ein Viertel der Kleinbildfläche hat (und selbst der größere APS-C-Sensor nicht ganz die Hälfte erreicht). Auch lag ich richtig mit dem Verdacht, eine 1600stel Sekunde könne bestenfalls drei Lichtwerte entfernt von der 200stel liegen.

Vorsicht, Kunst!

Kommen wir zum schwierigen Thema Kunst. Dagegen sind richtig rechnen und schreiben Kinderspiele. Die Scharlatanerie hat auch die fotografische Kunst nicht entkommen lassen. Eine Fotozeitschrift, die als modern gelten will, kann heute kaum anders, als eine Sammlung grauenhafter Bilder ein Portfolio zu nennen. Bemerkenswert an diesen Bildern ist immerhin, wie lückenlos das Grauenhafte durchgehalten wird: von der Wahl des Motivs oder des Modells über die Inszenierung und die Wahl von Kleidung und Schminke bis zur Pose. Es gipfelt in der Ausleuchtung, die eigentlich nur den Dokumentar eines Dentallabors freuen kann.

Aber es scheint sich leiser Widerstand zu regen. Ein kurzer Absatz in einer aktuellen Fotozeitschrift umreißt das Werk des „Fotokünstlers“ Daniel Josefsohn. In den achtziger Jahren hatte er versucht, eine Bank zu überfallen. Das hat nicht geklappt, aber mit der Fotografie könnte es ja hinhauen. Vom Drogentherapeuten lieh er eine Kamera, lernte Wolfgang Tillmans kennen (der bekam den diesjährigen Hasselblad-Award, auch wenn keiner weiß, wieso) und „fand den Einstieg in die quirlige Fotografenszene der 1990er-Jahre“.

Das beste an Josefsohns Kunst scheinen die Titel seiner Werke zu sein. Ist Ihnen schon mal aufgefallen, wie selten moderne Fotografie als schön, erhaben, erhebend, begeisternd oder auch nur betrachtenswert bezeichnet wird? Sie verstört und provoziert bestenfalls noch (der heutige Kunstbetrachter scheint sich zu weigern, ein Museum unprovoziert und unverstört zu verlassen), und zu mehr wollte sich auch jenes Kurzportrait nicht hinreißen lassen. Aber die Bildunterschriften! Und die Begleittexte! Die seien lesenswert.

Ich hab’s ja immer gesagt: Moderne Kunst ist, wenn man nicht bei dem Werk, aber beim Begleittext den Eindruck bekommt: Donnerwetter, das könnte ich nicht. Es wird Zeit, einen Vorschlag umzusetzen, den schon der ausgebildete Kunsthistoriker Ephraim Kishon vor Jahren gemacht hatte: die Begleittexte im A0-Format auszustellen und die (vormaligen) Kunstwerke in A5 daneben.

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Das Fotograuen

Gastbeitrag unseres freien Autors Saperlot vom See

Saperlot hält's nicht aus

Saperlot hält’s nicht aus

Ich bin ein Fotoamateur. Wenn Sie mich ärgern wollen, nehmen Sie mir das Licht. Wenn Sie mich erschrecken wollen, setzen Sie mich einem Mischlicht aus. Wollen Sie mich aber wirklich quälen, zwingen Sie mich, ein Fotovideo anzusehen.

Fotografen haben zwei Faibles. Erstens: auf Rechtschreibung zu verzichten, zweitens: unvorbereitet Videos zu drehen. Moment, um was für Videos geht es hier eigentlich? Nicht um das, was Sie denken. Das machen Fotografen nicht; sind ja Fotografen. Videos drehen Sie nur, wenn Sie andere Fotografen mit fehlender Information foltern wollen, indem sie vorgeben, über Ausrüstung zu informieren.

Glauben Sie mir: Das wollen Sie nicht sehen

Glauben Sie mir: Das wollen Sie nicht sehen

Niemals kämen die Guten auf die Idee, so zu fotografieren, wie sie Videos machen. Ein Bild aus der Hüfte zu schießen wäre ihnen zuwider. Für eine Fotoaufnahme investieren sie frag- und klaglos Überlegung, Sorgfalt und Geduld. Da kann zwischen Abschluss der Vorbereitung und Auslösen bei einem simplen Produktfoto schon mal eine halbe Stunde vergehen. Oder mehr. Und sie werden nicht müde, derlei minutiöses Vorgehen jedem Anfänger zu predigen, mit hochgezogenen Brauen. Gut Ding will Weile haben. Aber doch kein Video über einen Stativkopf! Ich bitte Sie, das macht man mal eben vorm Kaffee. Kamera aufs Stativ, Auslöser drücken und ab mit den Ähs. Spontan ist wichtig! So siehst du aus.

Das auch nicht.

Das auch nicht.

Ich versuch’s immer mal wieder mit diesem gefilmten Mehltau, aber nie, nie halte ich bis zum Ende durch. Ohnehin erfährt man nichts über das Ausrüstungsteil, über das man Auskunft suchte. Man sieht den Fotografen mit den Armen rudern, Ähms und Ebens absondern, hier- und dorthin abschweifen und dabei alles zweimal sagen (einmal in Grün und einmal in Blau, sodass es auch ein Zuschauer mit Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom auf jeden Fall behalten muss), während er die Verpackung des Teils auf dem Tisch hin und her schiebt. Handelt es sich um Bildschirmvideos, ist das erratische Rotieren mit dem Mauszeiger besonders beliebt. Zwei Minuten mindestens kaut er ihnen mit leidenschaftlicher Epik vor, was jeder schon weiß oder niemand je wissen wollte, bevor Sie das Objekt seiner Darbietung auch nur zu sehen bekommen. Keine Kleinigkeit ist für die intensive Betrachtung zu klein, etwa in Lehrvideos über den Umgang mit Bildbearbeitungsprogrammen: „Hier haben wir bei diesem Viereck eine Ecke, hier noch eine, eine weitere und schließlich noch eine.“

Neulich habe ich wieder einen Versuch gestartet. Ich hatte vorsorglich drei Valium geschluckt, autogenes Training gemacht und mir ein Eis zur Ablenkung geholt, um mich fürs Durchhalten zu wappnen. Aber es half nichts. Ich konnte den Schreikrampf nur durch Abbruch des Videos lösen.

Angelsachsen kommen sofort zur Sache.

Angelsachsen kommen sofort zur Sache.

So sind allerdings nur die deutschsprachigen Fotografen! Ganz anders die Angelsachsen. Ja, die plappern auch viel, aber sie halten dir das Ausrüstungsteil gleich vor die Nase, drehen es links rum, rechts rum und zeigen dir unmittelbar, was man damit machen kann. Ziemlich dasselbe wie mit Büchern. Englischsprachige Bücher gehen sofort los. In deutschen liest man erst mal, was man gleich lesen wird und welche historisch-soziologischen Bezüge man aus dem Thema herausquetschen kann, bevor man ankündigt, es demnächst zu behandeln.

Wenn Sie sich an einem ungeliebten Verwandten rächen möchten, zwingen Sie ihn, ein Fotografenvideo anzusehen.

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Regelverstöße

Muss man fotografische Gestaltungsregeln kennen? Muss der Schwerpunkt des Bildes nach dem Goldenen Schnitt gesetzt werden? Sollte jedes Bild Vorder-, Mittel- und Hintergrund sowie möglichst viele Tonwerte haben, den Horizont aber nie in der Mitte? Und sorgen Diagonalen wirklich immer für Dynamik?

Sind Regeln Gitterstäbe?

Sind Regeln Gitterstäbe?

Solche und ähnliche Gestaltungsregeln haben sich etabliert. Sie sind nicht mehr wegzukriegen, man mag zu ihnen stehen, wie man will. Was ihre Befolgung angeht, könnte Gelassenheit angebracht sein. Doch es gibt Stimmen, die derlei Regeln kategorisch ablehnen. Bruce Barnbaum, ein US-amerikanischer Fotograf und Buchautor, wird nicht müde, seinen Lesern das Ignorieren jeglicher Gestaltungsregel zu empfehlen. Hat er recht?

Barnbaum hätte ohne Frage recht, wenn sich Gestaltungsregeln nicht in der Mehrzahl der überdurchschnittlichen Bilder wiederfänden. Doch das tun sie.

Viele von Barnbaums Gedanken zur Fotografie verdienen Beachtung, nur das Wesen der Regel scheint er misszuverstehen. Regeln haben immer zwei Gesichter: das der Fessel und das der Stütze. Es hängt vom Anwender ab, welches sich ihm zeigt. Und weil diese Gesichter so widersprüchlich sind, werden Gestaltungsregeln notorisch missverstanden.

Horizont in der Mitte? Geht ja gar nicht! Oder?

Horizont in der Mitte? Geht ja gar nicht! Oder?

Nein, man muss Gestaltungsregeln nicht sklavisch befolgen, aber man soll sie kennen. In der Musik ist man heute nicht mehr an die strengen Satzregeln aus Bachs Zeit gebunden, aber sie zu beherrschen ist noch immer von Vorteil. Und das heißt: ihren Sinn zu kennen, zu begreifen, aus welchen Gründen sie erfunden wurden. Wenn man diesen Sinn verstanden hat, verliert die Regel jeden einengenden Charakter. Man weiß dann (und spürt bald instinktiv), wann man sie getrost ignorieren darf. Und man hat dabei nicht mehr das Gefühl, eine Regel zu brechen, sowenig wie man ein Werkzeug bricht, das man stecken lässt. Regeln sind Werkzeuge. Es lohnt, ihre Natur zu erforschen, was am besten durch ihre Anwendung geschieht. Es gibt jedoch keinen Zwang, sie anzuwenden, keinen Fotogerichtshof für Gestaltungsregelverstöße – halt, doch, den gibt es. Wer seine Bilder in Foren zur Diskussion stellt, wird die Erfahrung machen, dass so mancher Betrachter ein Bild kategorisch nach Einhaltung von Fotoregeln abklopft und in Reserve verfällt, wenn er Verstöße ortet. Aber wenn das Bild gut ist, wenn es gerade durch Verzicht auf Regeln besticht, dann wird es mehr Betrachter geben, die das zu würdigen wissen.

Ein altes Sprichwort sagt: „Der Meister darf die Form zerbrechen.“ Die Form, eine Schablone, ist ein Hilfsmittel für den Handwerkslehrling. Er braucht sie noch. Der Meister kann sie gebrauchen; er ist aber nicht mehr auf sie angewiesen. Ein vollendeter Balancekünstler zeigt erst ohne Balancierstange seine ganze Kunst auf dem Drahtseil; der Anfänger wird ohne sie kaum zum Könner heranreifen.

So sollten wir auch verbreitete Fotoregeln sehen. Wer ihren Sinn und ihre Grenzen noch nicht verinnerlicht hat, tut gut daran, sich erst mal an sie zu halten. Wer noch am Anfang steht und sich angesichts seiner Bilder fragt, warum sie noch nicht gut sind, bekommt über die Fotoregeln meist Antworten. Die müssen nicht der Weisheit letzter Schluss sein, aber es lässt sich mit ihnen weiterkommen, und nur dazu sind sie da. Es ist eine gute Übung, (nicht nur eigene) Bilder nach Einhaltung von Fotoregeln zu untersuchen und sich ein Urteil zu bilden, ob diese Bilder gegen übliche Fotoregeln verstoßen und deshalb schlecht sind – oder vielleicht gerade deswegen gut.

Diagonalen – die Spannungsquellen. Immer?

Diagonalen – die Spannungsquellen. Immer?

Mancher Regelverstoß ist nur ein scheinbarer. Wie in der Rechtsphilosophie gibt es auch in der Fotografie eine Güterabwägung. Im Interesse einer „höheren“ Regel darf, ja muss man „niedere“ missachten. Die Positionierung eines Bildschwerpunktes in der Bildmitte kann auch bei asymmetrischen Motiven geraten sein, wenn sich erst dadurch zusammen mit einem weiteren Schwerpunkt die gewünschte Wirkung ergibt (die dann auch keineswegs statisch sein muss, wie es der Zentrierung stets bescheinigt wird). Die Versuchung liegt hier darin, neue „höhere“ Fotoregeln zu erfinden, um Bildschwächen zu legitimieren. Ihr erliegt so mancher Verfasser von Kunstbeschreibungen.

Eine gesonderte Betrachtung verdienen Kunstwerke (nicht nur Fotos), die auch aus der Elite noch hervorstechen: die einsame Spitze. Hier ist in der Tat fraglich, ob sich bei der Mehrheit von ihnen die Befolgung von Gestaltungsregeln findet oder eher deren kühne Missachtung. Auch bei ihnen lauert eine gefährliche Versuchung: nämlich zu glauben, sie seien gerade wegen der Missachtung so besonders. Diese Versuchung führt ziemlich verlässlich zum kalkulierten Tabubruch, den viele sich bereitwillig als Kunst verkaufen lassen. Besondere Kunstwerke sind nicht wegen, sondern trotz der Missachtung von Gestaltungsregeln besonders. In ihnen lebt etwas so Unvergleichliches, dass der Künstler sich (oft widerstrebend) entschließen musste, bewährte Bahnen zu verlassen, weil nur so seine Vorstellung Gestalt annehmen konnte. Solche Werke sind – auch innerhalb des Gesamtwerkes großer Künstler –Ausnahmen.

Übrigens: Ist nicht auch die kategorische Missachtung von Gestaltungsregeln bereits eine Regel?

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Das kalibrierte Bild

Farbenfrohes Werk mit (künstlerisch!) mäßig interessanter Aussage

Ein Monitor, der Farben und Kontraste treffsicher anzeigen kann, sei viel wichtiger als eine teure Kamera und teure Objektive, so las ich jüngst in einer Fotozeitschrift. Man liest vielerorts, dass zu einem vollendeten Digitalfotografen ein teurer, natürlich kalibrierter Monitor gehöre. Ich hege da gewisse Zweifel mit Betonung auf „gewisse“. Dazu komme ich weiter unten.

Die Wiedergabe eines Konzerts über eine sündhaft teure Multikanal-Stereo-Anlage mit vergoldeten Anschlüssen, entkoppelten Schwingkreisen und bei Vollmondschein gelöteten Drähten gilt vielen als das höchste Maß der Musikwiedergabe – ausgenommen der Besuch des Konzertes selbst. Doch die Wiedergabe einer echten Spitzenanlage übertrifft das Klangerlebnis im Konzert auf vielen der Saalplätze. Bei manchen Konzertsälen gilt das für sämtliche Sitze. Und häufig schaffen das sogar gute Mittelklasseanlagen. Sollten wir also besser nicht mehr ins Konzert gehen?

Sie werden einwenden, dass es im Konzert nicht nur um den Klang gehe. Und damit liegen Sie vollkommen richtig. Die Wiedergabe einer teuren Anlage ist nämlich nicht die Spitze der Musikwiedergabe, sondern höchstens der Klangwiedergabe. Aber wer hört schon allein Klänge? Die Wiedergabequalität der Grammophonzeit wünscht sich keiner zurück, aber ist es nicht erstaunlich, wie schnell man bei einer wirklich mitreißenden Aufnahme die Knackser einer alten, abgespielten Schallplatte nicht mehr wahrnimmt?

Gipfelerlebnis von Musik oder Klang?

Ähnliches bei Büchern: Ein Bildband im Folioformat über erlesene Architektur des 18. Jahrhunderts verlangt eine angemessene, qualitativ kompromisslose Aufmachung, aber einen spannenden Krimi nehmen wir durchaus auch von einem billigen Paperback zu uns. Ab einer gewissen Druckqualität ist sogar jede weitere Steigerung verschwendet. Mancher, der sich Buchliebhaber nennt, streichelt lächelnd über den Goldschnitt, den Ledereinband und die reich verzierten Kapitälchen. Interessiert er sich auch für das, was die Buchstaben erzählen?

In der Musik braucht manches einen prunkvollen Klang. Eine Fuge von Bach könnte man auf Kämmen blasen, ohne das Wesentliche zu opfern, während Beethovens Fünfte, so großartig sie ist, schon als Klavierauszug fragwürdig wird. Und damit wieder zurück zur Fotografie.

Was meine „gewissen“ Zweifel angeht: Wer häufig große, teure Ausdrucke anfertigt oder Bilder abliefern muss, die dem Aufgenommenen in Farbe und Tonwerten möglichst nahe zu kommen haben, ist mit einem präzisen und kalibrierten Bildschirm gut beraten – keine Frage. Dasselbe gilt für Bilder, die ihre Wirkung aus farblichen Feinheiten beziehen. Aber wie viele von uns machen solche Bilder?

Ist Ihr Bild auch als grobe Skizze interessant?

Ich wage keine Schätzung, weiß aber, dass ich (noch?) nicht dazugehöre. Solange das Gleichgewicht von Farbe und Tonwerten, die Kraft von Linien und Verläufen, kurz: die Aussage in meinen Bildern einigermaßen gewahrt bleibt, interessiert mich absolute Farbpräzision nicht. Ebenso wenig, wie mich bei Musik von Bach der Klang übermäßig interessiert. (Wage ich damit zu sagen, dass ich so fotografiere, wie Bach komponierte? Qualitativ keinesfalls, prinzipiell schon.) Ein wirklich gutes Bild, heißt es, ist auch als grobe Holzkohleskizze noch gut. Das ist überspitzt, aber bedenkenswert.

Folglich lasse ich meine Ausdrucke zwar nicht bei der allerbilligsten, aber auch nicht bei einer Fine-Art-Druckerei anfertigen. Ich bleibe ihr treu und kann so mit der Zeit ihre Eigenheiten einschätzen. Und meine Bilder vor dem Druck darauf vorbereiten. Damit bin ich bislang zufrieden.

Gut möglich, dass sich das eines Tages ändert. Eigentlich habe ich eine Schwäche fürs Krümelsuchen, und beim Herumtüfteln an einem Qualitätsdruck, bei dem auch die letzten Feinheiten zutrage treten, könnte ich zu Hochform auflaufen. Deshalb würde ich niemandem in den Arm fallen, der mir unbedingt einen teuren Monitor schenken möchte. Ich würde den mit Kusshand nehmen und mich seiner freuen. Doch je größer das Aha-Erlebnis wäre, umso mehr müsste ich meine Fotografie grundsätzlich in Frage stellen. Gar nichts gegen Tonwertreichtum und Farbnuancen, aber sie dürfen nur das i-Tüpfelchen eines Bildes sein, sonst ist es zu schwach. Ich muss sogleich zugeben, dass es hiervon Ausnahmen gibt, wenn auch wenige. Diese Bilder nehmen mit Größe und Druckqualität nicht einfach an Sehenswertem zu, sie schlagen förmlich von Belanglosigkeit ins Besondere um. Diese wenigen Bilder verlangen einen kalibrierten Monitor.

Ob ich irgendwann auch anfangen würde, auf eine Stereoanlage mit entkoppelten Schwingkreisen und vergoldeten Anschlüssen zu sparen?

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Noch ein (Geheim?)Tipp

Das ältere Nikon-Zoom 3.5-4.5/ 28-105 hat einen ähnlich guten Ruf wie der Geheimtipp, das Plastikzoom 3.3-5.6/28-80. Eine ganze Reihe von Onlineauktionen hatte ich mit dem Ehrgeiz verfolgt, das Objektiv für einen zweistelligen Betrag zu ersteigern. Damit bin ich gescheitert, aber zum Glück nur knapp.

Der höhere Preis ist schon beim ersten Augenschein gerechtfertigt (und noch immer ein Schnäppchen). Das 28-105 ist eine Liga solider und hat ein Metallbajonett. Anders als das kleinere Zoom wirkt es an einer großen Spiegelreflex nicht wie ein Spielzeug. Größe und Gewicht sind die Kehrseite dieser Medaille. Es ist im Format dem aktuellen 3.5-4.5/24-85 VR-Objektiv sehr ähnlich, hat allerdings einen kleineren Filterdurchmesser: 62 im Vergleich zu 72 mm. Gemessen an Nikons professionelleren Linsen ist man also noch sehr dezent unterwegs.

Das 3.5-4.5/28-105

Das 3.5-4.5/28-105

Lassen wir zunächst auch hier wieder den US-amerikanischen Fotoblogger Ken Rockwell zu Wort kommen:

„Die Verzeichnung ist viel besser als bei den meisten Zooms. Sie ist überhaupt unsichtbar außer bei 28 mm auf unendlich. Dieses Objektiv hat mit die geringste Verzeichnung aller Zooms mittlerer Brennweite, die ich kenne.

Das 28-105 erreicht einen Abbildungsmaßstab von 1:2; denselben wie alle manuellen Nikon-55-mm-, 105-mm- und 200-mm-Makroobjektive. Das ist fantastisch!

Bei Einstellung auf 0,5 m gibt es eine deutliche tonnenförmige Verzeichnung bei 28 mm, keine bei 50 und 105 mm. Die Ecken sind weich bei 105 mm und 0,5 Meter Entfernung. Unterhalb eines halben Meters verschwindet die Verzeichnung, es bleibt aber weich in den Ecken, auch abgeblendet.“

Letzteres kann ich bestätigen. Im echten Makrobereich und bei 100-Prozent-Ansicht ist das Bild in den Ecken nicht nur weich, sondern unscharf. Der ausgedehnte Nahbereich ist also eine tolle Sache für unterwegs, aber auch dieses Zoom ist kein Ersatz für ein Makroobjektiv – schon wegen des umständlichen Schalters, der für den Wechsel zwischen Normal- und Makroentfernung bemüht werden muss und der bei kleinen Brennweiten und Entfernungen streikt. Allerdings lässt sich auch ohne ihn ein Abbildungsmaßstab von etwa 1:5 erreichen.

Der Schalter des Anstoßes

Der Schalter des Anstoßes

Ein Sprinter ist der Autofokus nicht; die Fokussierung geht schwergängig. Dass dies nicht nur bei meinem Exemplar der Fall ist, schließe ich aus Rockwells Anmerkung, es gebe „eine Menge Verlust im mechanischen Getriebe“. Deutliches Spiel und zu kurze Drehwege machen das Scharfstellen von Hand zu keinem Vergnügen. Deshalb kommt dieses Objektiv höchstens für extrem geduldige Besitzer einer Kamera ohne AF-Motor in Frage (Nikons 3000er- und 5000er-Serie).

Hat man das Objektiv aber einmal scharfgestellt, dann ist es auch scharf. Schärfer noch als das 28-80. Ich habe keine Testkarten im Nahbereich fotografiert, sondern Stadtszenen auf große Entfernung, dort aber alle Sorgfalt angewandt, die für einen Vergleich nötig sind, wie Stativ, Spiegelvorauslösung, Fokussierung mit LiveView und Lupe, verschiedene Blenden. In der Detailfreude scheint mir das 28-105 – sowohl bei 28 als auch bei 35 mm – dem Nikon 18-35 mm  ebenbürtig. (Nikon bezeichnet dieses Weitwinkelzoom als besonders geeignet für die hohe Auflösung seiner 800er-Kameras. Ich fotografiere noch mit 12 Megapixeln.)

Mit Stativ bleiben kaum Wünsche offen

Mit Stativ bleiben kaum Wünsche offen

Am langen Ende (bei 70 und rund 100 mm) scheint es mir auch dem Tamron 70-300 Di SP vollkommen gewachsen. Das räumt zwar bei 300 mm keine Urkunden ab, beeindruckt mich am kurzen Ende aber durchaus und lässt sich von der 90-mm-Makro-Festbrennweite aus dem eigenen Hause (auf große Entfernungen) nichts vormachen. Damit übertraf das 28-105er leicht, aber sichtbar das 28-80 in der Schärfe. Auch bei den mittleren Brennweiten war es hier zumindest gleichauf.

Die Sonnenblende ist heute nicht leicht zu kriegen. Sie ist trichterförmig und damit leider so offen, dass ihr Nutzen sich auf kaum mehr als den Stoßschutz beschränkt. Eine Tulpe wäre nützlicher, zumal das Glas nicht ganz so gegenlichtresistent zu sein scheint wie das des 28-80.

Fazit:

Für wenig mehr als 100 Euro (Stand Ende 2014) erwirbt man mit diesem Objektiv ein optisch exzellentes Instrument, besonders für Aufnahmen vom Stativ, wo fehlender Verwacklungsschutz* und langsamer AF keine Rolle spielen. Die Verzeichnung ist für ein solches Objektiv vorbildlich gering (zum Glück, denn wie für das 28-80 fand ich im Netz kein Profil für Raw-Konverter), und die Randabschattung soll es nach Ken Rockwell ebenso sein.

 

* Ich bin ein Anhänger der Unterscheidung zwischen Verwackeln (= das Motiv hat gewackelt) und Verreißen (= der Fotograf hat gewackelt), aber ich fürchte, einen „Verreißungsschutz“ würde niemand verstehen.
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Der Geheimtipp

Vor einiger Zeit habe ich im Internet ein altes Nikon-Zoom 3.3-5.6/28-80 mm ersteigert. Es diente ab 2001 den einfachen Spiegelreflexen der Film-Ära für ein paar Jahre als Kitobjektiv. Ich weiß nicht mehr, warum ich es kaufte. Ich war wohl neugierig, und es war billig zu haben.

Dieses Objektiv ist auch an der See scharf!

Dieses Objektiv ist auch an der See scharf!

Das ist nichts, was man zum Angeben an die Kamera setzt. Klein, keine 200 g leicht und, wie gesagt, rundum Plastik. Die Bilder schienen nicht übel, aber so richtig konnte ich es eigentlich nicht gebrauchen, sodass es für längere Zeit in eine Schublade wanderte.

Nach einiger Zeit kaufte ich eine Kamera mit großem Sensor. Mein altes Telezoom ließ sich weiter verwenden, doch mit dem Erwerb eines Weitwinkelzooms war das Finanzloch groß genug, trotz Verkaufs alter Gerätschaften. Zwischen Weitwinkel und Tele klaffte damit auch ein Loch. Das war die Stunde des 28-80ers.

Mit einem alten Objektiv kann man nicht nur alte Sachen fotografieren.

Mit einem alten Objektiv kann man nicht nur alte Sachen fotografieren.

Wenn dieses kleine Plastikspielzeug an der großen, schweren Kamera einrastet, hält man das zunächst für eine Verirrung. Man will ihm nicht glauben, dass es einen großen Sensor ausleuchten kann. Aber es kann. Und es macht seine Sache gar nicht schlecht. Sogar ziemlich gut. Verblüffend gut.

Der US-amerikanische Fotograf und Fotoblogger Ken Rockwell sagt über dieses Objektiv:

„Das 28-80 mm G ist ein schäbiges Plastikzoom mit unglaublich guter Leistung. Es funktioniert lächerlich gut, besonders an meiner Nikon D3. Unglaublich heißt unfassbar. Die Leistung ist so gut, dass niemand glauben wird, dass sie von einem derart billigen Objektiv stammt. Die Leistung ist einfach verblüffend.

Dieses Objektiv bringt Schwung in Ihre Bilder.

Dieses Objektiv bringt Schwung in Ihre Bilder.

Benutzen Sie es, und Sie verstehen, warum ich mich nicht mit anderen Objektivmarken abgebe. Wenn Sie ein billiges Glas wie dieses benutzen und sehen, wie gut es ist, zeigt mir das wirklich, dass Nikon seit 1937 viele Geheimnisse des Objektivbaus kennengelernt hat, die es mit niemandem teilt. Hier ist das Geheimnis ein zusammengesetztes asphärisches Element, ein Herstellungstrick, mit dem Nikon die Leistung älterer und teurerer Objektive praktisch ohne Mehrkosten übertraf.

Es ist scharf! An meiner D200 DX-Kamera ist es sehr scharf bei allen Blenden, sogar ganz in den Ecken. Es ist peinlich viel schärfer als viele meiner deutlich teureren und exotischen Ultraweitwinkel-Festbrennweiten an der D200. Bei Offenblende sinkt der Kontrast etwas in den Ecken, kehrt aber mit einer Stufe Abblendung zurück. Auch das ist außergewöhnlich. 

Sonne im Bild? Kein Problem.

Sonne im Bild? Kein Problem.

Ein Farbquerfehler [Farbsäume] ist an der D200 nicht zu sehen. Das ist hervorragend. Ich kann das 28-80 nicht zu Lichtreflexen überreden außer bei voller Mittagssonne im Bild bei 44 mm Brennweite.“

Zögerliche Abwägung ist Rockwells Sache nicht; er neigt ein wenig zu Übertreibungen. Doch dass dieses 28-80 mm heute ein echtes Schnäppchen ist, steht außer Frage. Und es kann noch mehr! Rockwell:

„Das Nikon 28-80 mm stellt schnell und supernah scharf; damit steht es einem wunderbaren Foto nie im Wege. Ich wollte, alle meine Objektive wären so gut.“

 

So nah ran können auch andere. Das 28-80 kann noch näher.

So nah ran können auch andere. Das 28-80 kann noch näher.

Supernah ist hier kaum übertrieben. Mit einem maximalen Abbildungsmaßstab von 1:3,4 ist es zwar noch kein Makroobjektiv, aber auch nicht arg weit weg davon. Und der Autofokus ist so schnell wie entscheidungsfreudig. Wegen seines lächerlichen Gewichts kriecht es bei senkrecht gehaltener Kamera auch nicht durch die Brennweiten (Zoomcreeping).

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Mit dem Objektiv an der Kamera möchte man sich verstecken. Mit den Bildern nicht. Dieses Bild lässt sich auch größer betrachten.

Hat dieses Objektiv denn keine Schwächen? Doch. Zunächst das erwähnte Plastik. Allzu häufig sollte man es nicht gegen einen Türrahmen donnern. Und natürlich hat es keinen Verwacklungsschutz. Ob das bei höchstens 80 mm wurscht oder ein echtes Manko ist, wird jeder anders beurteilen. Wer gern manuell scharfstellt, wird mit dem 28-80 auch nicht glücklich werden (die Frontlinse dreht sich beim Fokussieren; nicht aber beim Zoomen). Bei den Fähigkeiten in der Nahdistanz ist das ein Jammer. Weil der Fokusring ganz vorne sitzt, gilt das doppelt bei aufgesetzter Gegenlichtblende – und ein Fotograf mit Kinderstube hat die Gegenlichtblende eigentlich immer aufgesetzt.

Rockwell bescheinigt dem Objektiv zudem eine „Schiffsladung voll Verzeichnung“ bei 28 mm, die aber bei 50 mm verschwinde; bei 80 mm gebe es eine minimale kissenförmige Verzeichnung. Was die übrige reine Bildqualität angeht, kann man diesem Objektiv wenig am Zeug flicken – und angesichts des heutigen Preises gar nichts. Nachdem ich es nun besser kenne, fotografiere ich damit nicht mehr verlegen, sondern mit diebischer Freude.

Nicht sehr robust, aber ein kleines Sonnenscheinchen: das 28-80.

Nicht sehr robust, aber ein kleines Sonnenscheinchen: das 28-80.

Alle Bilder dieses Artikels wurden mit dem 28-80 gemacht – außer dem letzten. Nachdem ich gelesen hatte, dass das ähnlich alte 28-105 auch ähnlich gut sein soll, habe ich eins zu ersteigern versucht. Nur, bisher hätte ich dazu dreistellig zahlen müssen.

Das ist es

Das ist es

Bei aller Wertschätzung werde ich irgendwann wohl doch ein modernes Objektiv mit Verwacklungsschutz anschaffen (der ist einfach sehr nützlich). Aber ich habe es mit dem 28-80 in der Tasche nicht allzu eilig damit.

Aktualisierung: Inzwischen habe ich auch das 28-105 erworben und darüber geschrieben.

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Feiern wie 1995

von Roger Cicala

Roger Cicala ist der Inhaber des Fotoausrüstungs-Verleihs Lensrentals in Alabama, USA. Er ist außerdem ein häufig zitierter Blogschreiber zu fototechnischen Fragen. Dies ist die leicht gekürzte Übersetzung seines Blogartikels „I’m Gonna Party Like It’s 1995„. Mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Bilder von Roger Cicala

Ich zweifle, dass irgendjemand von Ihnen sich daran erinnert, aber 1995 war die Premierenfeier für digitale Spiegelreflexkameras. Digitale Kameras gab es damals bereits. Gewissermaßen gab es bereits digitale Reflexkameras – modifizierte, mit einer Festplatte verbundene Kameras. Aber 1995 präsentierten Hersteller erstmals digitale SLRs für die Massen. Oder so. Ich glaube, die Massen waren ein paar hundert Leute.

Die Preise waren in etwa erschwingliche 10.000 $ (wohlgemerkt Dollar von 1995). Für dieses Geld bekam man etwas mehr als 1 Megapixel. Aber es war ein eigenständiges, batteriebetriebenes Gerät, das Bilder in der Kamera speicherte für die spätere Betrachtung oder den Ausdruck am Computer.

Tatsächlich waren Chips, Speicher und die übrige Technologie weit von dem entfernt, was wir heute in einer vernünftigen Kamera erwarten würden. Doch einige Hersteller bauten unter Ausnutzung brillanter Neuerungen trotzdem benutzbare Kameras. Sie wurden auch tatsächlich benutzt und hatten manchen klaren Vorteil gegenüber Film, auch wenn Auflösung sicher keiner davon war. Ein Fotoreporter konnte ein Bild machen und es per Modem übertragen, wenn auch langsam. Trotzdem war das viel schneller, als Film zu entwickeln und zu scannen, und das konnte darüber entscheiden, ob man das nächste Morgenblatt machen konnte oder nicht. Und selbst 1 Megapixel reichte für ein Zeitungsfoto von zwei Spalten Breite.

Ich hatte kürzlich Glück und konnte einen von diesen 1995er-Klassikern zu einem sehr günstigen Preis erwerben. Zu meiner großen Überraschung (und vermutlich der des Verkäufers) haben wir ihn sogar zum Laufen gebracht. Ich möchte Ihnen also ohne weiteren Sermon meine neueste alte Kamera vorstellen: eine Minolta RD 175.

Minolta RD 175

Sieht nicht aus wie 20 Jahre alt, oder? Nikon und Canon brachten ihre Kameras der DCS-Serien etwa zur selben Zeit heraus, bei denen sie Sensor und Rückteil von Kodak mit ihren Gehäusen vereinigten, doch in der Handhabung war die Minolta viel attraktiver und einfacher.

Nikon-Kodak DCS 420, circa 1995. Die DCS-Kameras nutzten einen einzelnen 1.5-Megapixel-Sensor.

Beachten Sie die stolze Kennzeichnung „3CCD“ unten an der Minolta. Bildsensoren im Kleinbildformat existierten 1995 nicht. Selbst kleine Chips mit 1,3 Megapixeln waren unglaublich teuer. Minoltas Lösung war einfach brillant: Sie verwendeten drei kleine Camcorder-Chips, jeder 6,4 x 4,8 mm groß und mit einer Auflösung von 0,4 Megapixel.

Ein Optikrelais hinten im Spiegelkasten verkleinerte das Bild. Ein Prisma in der Kamera spaltete das einfallende Licht auf und sandte den grünen Anteil zu zweien der Chips sowie blaues und rotes zum dritten Chip – in Streifen, anders, als es heute mit dem Bayer-Raster geschieht. Die Daten der drei Chips wurden dann in der Kamera zu einem 1,75-Megapixel-Raw-Bild interpoliert.

Der Aufbau mit drei Chips und Prisma war kleiner und verbesserte die Handhabung der Kamera. Er war zudem nicht so teuer wie der große einzelne Chip (9,2 x 13,8 mm) der DCS-Kameras und hatte eine etwas höhere Auflösung (nämlich wie gesagt 1,75 Megapixel, aber das war ein interpoliertes Bild im Gegensatz zum direkten 1,5-Megapixel Bild der DCS. Vermutlich stritt man sich damals darüber ähnlich, wie man es heute über die Vorteile des Foveon-Sensors tut).

Natürlich gab es auch ein paar Nachteile. Die RD 175 bot jeden gewünschten ISO-Wert, solange er nur 800 war. Man konnte auch mit jeder Blende fotografieren, solange sie 6.7 nicht überschritt. Trotzdem war sie für eine kurze Zeit vermutlich die beste SLR, die man für Geld kaufen konnte. Tatsächlich war es die erste digitale SLR, die im Stop-Motion-Verfahren eingesetzt wurde. Das PC-Spiel „The Neverhood“ wurde vollständig, Bild für Bild, mit der RD 175 aufgenommen.

Noch ein paar Bilder

Die RD 175 wirkt überraschend modern, im Grunde wie eine ziemlich große SLR.

 

Obwohl der LCD völlig fehlt, braucht der Sucher etwas Eingewöhnung.

Die Kamera nutzte zwei separate Stromquellen: eine Batterie für das Gehäuse und einen Akku für die Elektronik und den Speicher. Apropos Speicher: Diese Kameras verwendeten keine Speicherkarten, sondern kleine PCMCIA-Festplatten. Eine befand sich in meiner Erwerbung  – kolossale 131 MB.

Weil die Kameraelektronik Bilder über ein fingerdickes SCSI-1-Kabel ausgab, schien es unwahrscheinlich, dass wir die Kamera zu einem direkten Gespräch mit dem Computer überreden könnten. Theoretisch hätten wir einen SCS2-, SATA- oder USB-Adapter nehmen können, aber die Chance auf einen funktionierenden Treiber schien gering. Jedenfalls fanden wir einen PCMCIA-USB-Kartenleser. Es war etwas High-Tech-Modifikation erforderlich (nämlich ein großes Loch in die Front zu sägen, um den Karteneinschub zu vergrößern), aber wir haben ihn dazu gebracht, die Karte zu akzeptieren.

Die PCMCIA-Karte und unser leicht modifizierter Kartenleser

Zu unserem ziemlichen Schrecken funktionierte die 20 Jahre alte Festplatte und enthielt einige Dutzend Raw-Bilder. Nachdem wir die Bilder heruntergeladen hatten, brauchte es einige Experimente, bis wir das alte .mcd-Format in etwas umwandeln konnten, das sich betrachten lässt. GraphicConverter 9.0 hat uns gerettet.

Die übrige Kamera funktionierte auch, ziemlich gut sogar. Der Autofokus (ein einzelnes zentrales Messfeld) ist recht genau, auch wenn er eine gute halbe Sekunde benötigt. Ein Bild auf die Platte zu schreiben erfordert weitere 2 Sekunden, und danach ist die Kamera bereit für weitere gemächliche Action-Fotos. Hier also ein paar Bilder von der Art, die Sie geschossen hätten, wenn Sie ein wohlhabender Fotograf mit topaktueller Ausrüstung im Jahre 1995 gewesen wären – in voller Pracht von halber Größe. Tatsächlich sind sie aber nicht halb so schlecht.

Ein paar Männer beim Auspacken im Arbeitsraum. Die Belichtungszeiten für Blende 6.7 sind gemütlich. Die Hände sind nicht unscharf, weil die Männer so schnell arbeiten würden. Beachten Sie die falsche Farbe des Laptops. Er ist tatsächlich silberglänzend, nicht rot. Leider ist die Wandfarbe richtig. Fragen Sie mich nicht, warum wir eine rote Wand haben.

Der Park hinter unserem Büro. Die Detailschärfe ist nicht berauschend, aber mich beeindruckt, wie die Automatik das Gegenlicht meistert. Ich habe manche moderne Kamera, die das nicht so gut hinkriegt. Auch der Dynamikumfang ist besser, als ich erwartet hätte.

Um das Beste aus den 1,75 Megapixeln herauszuholen, eine Aufnahme mit dem 50 mm/6.7-Makroobjektiv. Wieder bin ich ziemlich beeindruckt, auch wenn man sogar bei 50 % Größe etwas Rauschen entdecken kann.

Sogar eine echte Makroaufnahme hat schöne Details. Geben Sie’s zu: Sie hätten bei 1,75 Megapixel nicht so viel Details erwartet, stimmt’s?

Außer ein paar Bilder zu zeigen habe ich nichts Profundes weiter zu sagen. Es macht Spaß, eine der ersten je gefertigten digitalen SLRs zu benutzen. Ich war wirklich überrascht, dass sie überhaupt funktionierte, und nach Betrachten der Bilder kann ich zum ersten Mal verstehen, warum Leute (oder eher Firmen) 1995 bereit waren, viel Geld für eine derartige Kamera auszugeben.

Und ich muss zugeben: Jemandem wie mir, der gelegentlich laut darüber nachdenkt, ob „nur“ 24 Megapixel für meine Bedürfnisse wirklich angemessen sind, haben diese 1,75-Megapixel-Bilder schon etwas die Augen geöffnet.

Roger Cicala, im Juni 2014

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Anmerkungen zu Objektiv- und Kamerastreuungen

von Roger Cicala

Roger Cicala ist der Inhaber des Fotoausrüstungs-Verleihs Lensrentals in Alabama, USA. Er ist außerdem ein häufig zitierter Blogschreiber zu fototechnischen Fragen. Dies ist die leicht gekürzte Übersetzung seines Blogartikels „Notes on Lens and Camera Variation„. Mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Oktober 2011

Etwas Komisches passierte, als ich nach der Eröffnung von Lensrentals nach und nach sechs bis zehn Exemplare von jedem Objektiv besaß. Ich fand heraus, dass sie nicht alle gleich waren. Nicht ganz. Und jedes Exemplar verhielt sich ein wenig anders an verschiedenen Kameras. Ich schrieb ein paar Artikel darüber: „Dieses Objektiv ist weich und andere Mythen“ behandelte die Tatsache, dass die Autofokus-Feinabstimmung einiges an Kamera-Serienstreuung für ein bestimmtes Objektiv ausgleichen kann, aber nicht alles. „Dieses Objektiv ist weich und andere Fakten“ besprach unvermeidliche Toleranzen der Massenproduktion, mit denen auch Kameras und Objektive hergestellt werden, und dass es folglich einen spürbaren Unterschied geben müsse zwischen zwei beliebigen Exemplaren des gleichen Objektivs oder der gleichen Kamera. Viele erfahrene Fotografen und Tester hatten Ähnliches bemerkt, und während wir alle darüber sprachen, fehlten uns die rechten Worte zur Beschreibung des Phänomens.

Dann kam Imatest

Wir hatten immer ein Team von exzellenten Technikern, die jede Kamera und jedes Objektiv nach jedem Verleih optisch testeten. Aber diese Tests haben ihre Grenzen: Sie werden von Menschen gemacht und sind von persönlichen Urteilen geprägt. Nachdem wir umgezogen waren und ausreichend Platz hatten, habe ich ein paar Monate mit Recherche, Kauf und Installation eines computergestützten Systems verbracht, das genauere Tests ermöglichen sollte. Wir entschieden uns für das Imatest-Paket (Software zum Test von Digitalbildsystemen), und ich habe die letzten zwei Monate meist damit zugebracht, unser System zu installieren und zu kalibrieren (mein Dank den Leuten von Imatest und SLRGear.com für ihre unschätzbare Hilfe).

Für uns hat es sich bereits ausgezahlt, denn es ist genauer und konsistenter als die menschliche Prüfung. Wir finden nun manches Objektiv, das nicht ganz in Ordnung ist, aber die bisherigen Tests wohl passiert hätte. Außerdem kriegt der Computer weder Kopfschmerzen noch rote Augen, wenn er sich bis zu zehn Stunden am Tag Bilder anguckt.

Test mit Computerhilfe ermöglichen mir auch, den Grad der Abweichungen zwischen verschiedenen Objektiv- oder Kamera-Exemplaren zu zeigen. Wir haben von unseren Objektiven und Kameras Dutzende Exemplare (von einigen Dutzende von Dutzenden). Auch wenn wir nicht die vielfältigen, peinlich genauen Messungen vornehmen, die ein Objektivtester an einem einzigen Exemplar vornimmt, so offenbaren unsere grundlegenden, aber an vielen Exemplaren angewandten Tests die Serienstreuung doch ziemlich gut.

Abweichungen zwischen Objektiven

Wir wissen aus Erfahrung: Wenn man verschiedene Exemplare desselben Objektivmodells an einer Kamera ansetzt, verhält sich jedes etwas anders. Das eine fokussiert leicht zu nah, das andere zu weit. Dieses scheint im Nahbereich schärfer zu sein, jenes bei unendlich. Dennoch sind die meisten vollkommen akzeptabel: Die Unterschiede sind so gering, dass sie von Ihnen in einem Ausdruck wahrscheinlich nicht entdeckt würden. Ich kann Ihnen das erzählen, doch es zu zeigen ist wirkungsvoller.

Und zwar so: mit einer Gruppe aus drei unterschiedlichen Objektivmodellen, die als recht scharf bekannt sind: das Canon 100 mm/2.8 Macro, das neuere Canon 100 mm/2.8 IS L Macro und das Zeiss ZE 100 mm Makro. Die waagerechte Achse der Grafik zeigt die höchste Auflösung (in der Bildmitte) und die senkrechte den gewichteten Auflösungs-Durchschnitt des ganzen Objektivs, gemessen in Linienpaaren/Bildhöhe. Alle wurden am selben Kameragehäuse getestet, und jeweils die beste von mehreren Messungen wurde aufgezeichnet.

Das Bild zeigt ziemlich offensichtliche Abweichungen zwischen den verschiedenen Exemplaren jedes Objektivtyps. Ich habe diese Brennweite gewählt, weil wir hier ein Ausschussexemplar hatten (Failed Lens). Es zeigt den Unterschied zwischen einem echten Ausreißer und der normalen Streuung eines guten Objektivs. Nur nebenbei: Dieser Ausreißer machte nicht annähernd so üble Bilder, wie Sie vielleicht glauben. Bei einem kleinen JPG würden Sie den Unterschied zu den regulären Exemplaren nicht bemerken. Allerdings träte der bei 50-Prozent-Ansicht in Photoshop klar hervor.

Was mir aber wichtig ist: Während das Canon 100/2.8 IS L im Schnitt etwas schärfer ist als die beiden anderen, so gilt das nicht für jedes einzelne Exemplar. Würde jemand einen sorgfältigen Vergleichstest anstellen, könnte er durchaus ein Exemplar erwischen, das weniger scharf ist als die beiden anderen Objektive. Ich glaube, das erklärt, warum zwei sorgfältige Tester über ein und dasselbe Objektivmodell verschiedener Meinung sein können. (Und nicht, wie in Foren gern behauptet wird, weil einer der Tester von dieser oder jener Herstellerfirma bezahlt würde. Alle Tester, die ich kenne, sind integer.)

Autofokus-Abweichungen

Wir wissen alle: Der Kamera-Autofokus [gemeint ist der Phasen-AF] ist nicht so genau, wie wir es gern hätten. Nachdem ich für diesen Artikel etwas recherchiert habe, wie Autofokus funktioniert, bin ich verblüfft, dass er überhaupt so gut ist. Trotzdem beschwere ich mich über ihn genauso wie Sie. Als ich unsere Tests vorbereitete, hoffte ich, wir könnten Autofokus wenigstens zum Aussieben nutzen. Die Ergebnisse waren recht interessant. Hier eine ähnliche Grafik wie zuvor für einen Satz von Canon 85/1.8-Objektiven, die ich mit Autofokus getestet habe. Wieder ist ein Ausreißer zum Vergleich dabei.

(Für diejenigen, die jetzt denken: „Ich will eins von den drei besten Exemplaren, keins von den anderen“ – und ich weiß, dass einige das jetzt denken – gilt: weiterlesen.)

Ich wählte Exemplar Nr. 7, das durchschnittliche Ergebnisse hatte, montierte es an die Testkamera und machte 12 aufeinanderfolgende Aufnahmen mit Autofokus. Zwischen den Aufnahmen drehte ich den Fokusring nach links oder rechts auf Anschlag, oder ich schaltete die Kamera aus und wieder ein. Sonst wurde nichts bewegt. (Übrigens wurde die Kamera für den Test fest auf ein Stativ montiert, der Spiegel hochgeklappt usw.)

Die nächste Grafik zeigt eine Überlagerung der letzten. Die 12 dunkelblauen Rauten sind die Autofokusergebnisse eines einzigen Objektivs an einer einzigen Kamera. Anschließend machte ich sechs weitere Aufnahmen mit Live View, 10-fach-Lupe und Scharfeinstellung von Hand; wieder mit Fokusverstellung dazwischen – dies sind die grünen Dreiecke. Ich sollte auch erwähnen: Würde ich mehrere Aufnahmen ohne die Fokusverstellung zwischendurch machen, wären die Ergebnisse nahezu identisch. Wir hätten ein Dutzend blaue Dreiecke, die alle einander berührten. Was Sie also sehen, sind keine Abweichungen des Testablaufs, sondern Abweichungen des Fokus.

Es ist klar zu erkennen, dass die Schärfestreuung eines einzigen mehrfach neu fokussierten Objektivs jener Streuung sehr ähnlich ist, die beim Test vieler Exemplare auftritt. Ebenfalls klar zu sehen: Fokus von Hand mit Live View war genauer und konsistenter als (Phasen-)Autofokus. Natürlich wurde das mit 10-facher Vergrößerung gemacht bei einem unbeweglichen Motiv – einer prima zu fokussierenden Testtafel – und mit aller Zeit der Welt zum Scharfstellen. Keine Überraschung soweit. Wir wussten schon immer, dass Live View genauer fokussiert als Phasen-AF.

Nebenbei zum Thema AF: Weil es unsere Tests so beschleunigen würde, habe ich den Vergleich Handeinstellung mit Autofokus bei einer ganzen Reihe von Objektiven angestellt. Ich will Sie nicht mit 10 weiteren Grafiken langweilen; aber ich fand heraus, dass ältere Objektivdesigns (wie das erwähnte 85/1.8) und Modelle von Drittherstellern größere Abweichungen beim Autofokus hatten. Neuere Designs, wie das 100 mm IS L, hatten hier weniger Streuung (jedenfalls an einer Canon 5D Mark II).

Ach ja, nochmal zu den Leuten, die eines der drei Topexemplare haben wollten: Als ich zwei davon erneut mehrfach testete, erzielte ich nie wieder die Spitzenergebnisse, die auf der Grafik zu sehen sind. Die Wiederholungsbilder (auch mit Handscharfstellung) tendierten alle zur Mitte des Bereichs, wenn sie auch in dessen oberer Hälfte blieben. Zumindest an dieser Kamera – und das verschafft mir einen eleganten Übergang zum nächsten Abschnitt.

Abweichungen von Kamera zu Kamera

Wir haben nun verschiedene Objektive an einer Kamera getestet, aber was passiert, wenn wir ein einzelnes Objektiv nehmen und die Kamera wechseln? Eine günstige Gelegenheit, das zu testen, war die Lieferung eines Dutzends neuer Canon 5D II-Modelle. Zuerst testete ich einen Satz Canon-Zooms 70-200/2.8 IS II an einer Kamera. Dabei hatte ich drei Versuche mit Live View und jeweiliger Neufokussierung. Die besten Ergebnisse jedes Objektivs sind die grünen Dreiecke in folgender Grafik.

Dann nahm ich eins der Objektive, montierte es mit der Stativschelle an der Testbank und wiederholte die Serie mit elf der neuen Kameragehäuse (= blaue Rauten und rote Quadrate). Mit jeder Kamera wurden vier Aufnahmen gemacht, die beste wurde verwendet. Allerdings waren diese vier Aufnahmen fast immer identisch. Offenbar verhält sich ein und dasselbe Objektiv an verschiedenen Kameragehäusen ein wenig anders.

Ich habe die Kameras in zwei Gruppen geteilt, weil wir Modelle aus zwei verschiedenen Serien bekommen hatten. Ich weiß nicht, ob die kleine Stichprobe irgendwelche Schlüsse rechtfertigt, aber ich fand den Unterschied verblüffend. Und weiterer Untersuchung wert.

Zusammenfassung

Ich sage wohlgemerkt nicht Schlussfolgerung, denn dieser kleine Beitrag ist nicht dazu gedacht, irgend etwas zu folgern. Er soll nur zur Veranschaulichung dessen dienen, was wir alle (oder wenigstens die meisten von uns) schon wussten:

  • Montiere verschiedene Exemplare desselben Objektivmodells an eine bestimmte Kamera, und jedes wird etwas unterschiedlich auflösen.
  • Montiere verschiedene Exemplare desselben Kameramodells an ein bestimmtes Objektiv, und jedes wird etwas unterschiedlich auflösen.
  • Wirkliche Ausreißer sind nicht etwas weicher, sie sind sehr viel weicher.
  • Phasen-AF ist weniger genau als Kontrast-AF (Live View), zumindest wenn die Kamera nicht per Feinabstimmung auf das Objektiv eingestellt wurde.

All dies muss aus der richtigen Perspektive gesehen werden. Wenn Sie sich noch einmal die ersten beiden Grafiken ansehen, werden Sie feststellen, dass die Ausreißer weit entfernt sind vom Schrotflintenmuster der ordentlichen Exemplare. Und wenn wir uns die Ausreißer genauer vornehmen, müssen wir schon sorgfältig hinsehen (50-prozentige Vergrößerung), um sie zu identifizieren.

Die Unterschiede zwischen den guten Exemplaren könnten mit Krümelsucherei vermutlich entdeckt werden. Wenn Sie zum Beispiel meine Testbilder des besten und des schlechtesten Canon 100/2.8 IS L nebeneinander legen und untersuchen würden, könnten Sie wahrscheinlich einen kleinen Unterschied ausmachen. Aber wenn ich Ihnen die Objektive zum Anschluss an Ihre Kamera überließe, sähe es wohl wieder ein bisschen anders aus.

Also, für alle, die ihre Zeit mit der Suche nach dem schärfestmöglichen Objektiv verbringen: Unglücklicherweise ist Schärfe ein ziemlich unscharfes Konzept.

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